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Biodiversität & Ökonomie : Was kostet die Welt?

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Verlustrechnungen

Erst wenn eine Ressource knapp wird, gerät sie in den Fokus von Wirtschaft und Politik. Was beispielsweise zweitausend Kilometer ursprüngliche Küstenlinie wert sind, hätte vor der Havarie der Exxon Valdez niemand zu sagen vermocht. Der Öltanker war im März 1989 im Prince William Sound vor Süd-Alaska auf Grund gelaufen. 40 000 Tonnen Rohöl verseuchten die Strände, eine viertel Million Seevögel verendeten, die Fischbestände wurden schwer geschädigt. Der Prozess um Schadenersatz zog sich anschließend zwanzig Jahre hin.

Wie hoch sollte man die Verluste ansetzen? Es ging ja nicht nur um Lachse, Heringe oder Robben. Von der Fischerei und vom Naturtourismus lebte die gesamte Region. Ein Gutachten nach dem anderen wurde in Auftrag gegeben, Exxon zur Zahlung von fünf Milliarden Dollar verurteilt, was in etwa dem Jahresgewinn des Ölkonzerns entsprochen hätte. Die Summe verringerte sich auf dem Weg durch die Instanzen nach und nach auf fünfhundert Millionen.

Allein das Säubern der Strände hat seinerzeit mehr als zwei Milliarden Dollar gekostet. Forscher der Temple University in Philadelphia berichten jetzt, sie fänden trotzdem noch größere Mengen Öl im Boden, die sich mangels Sauerstoff kaum zersetzen. Mindestens kann man aus dem Fall Exxon Valdez lernen, dass die Spätfolgen einer Umweltkatastrophe nicht so ohne weiteres abzuschätzen sind. Weder von Ökonomen noch von Ökologen.

Beide Disziplinen tun sich auf ihre Art schwer mit der Umwelt. Solange saubere Küsten und Gewässer nicht wie Bananen gehandelt werden, lässt sich auch kein Marktpreis ermitteln. Ersatzweise kann man fragen, was Menschen bereit wären, für eine intakte Umwelt zu zahlen. Wie viel sie ausgeben würden, um beispielsweise einen Blauwal zu Gesicht zu bekommen. Oder wie hoch die Immobilienpreise steigen, wenn vor der Tür alles sprießt und blüht. Doch ändert das nichts daran, dass man Ökosysteme in letzter Konsequnz nicht nach den Regeln der Marktwirtschaft bewerten kann. Zumal der Mensch auch noch integraler Teil von ihnen ist, allein schon durch seine Teilnahme an der Nahrungskette.

Der Wert der Natur

Das führt zur zweiten Frage, die Biologen nur sehr ungern hören: Was haben wir überhaupt davon, dass sich Seeadler und Tordalk oder Mehlprimel und Trollblume wohl fühlen?

Als der Evolutionsbiologe Edward Wilson vor etwas mehr als zwanzig Jahren den Ausdruck "Biodiversity" prägte, ging er noch wie selbstverständlich von einem Wert der Natur an sich aus. Wilsons Kollege David Ehrenfeld von der Rutgers University wetterte damals: "Dinge zu bewerten, die uns nicht gehören und deren Bedeutung wir nur äußerst oberflächlich verstehen, ist der Gipfel anmaßender Verrücktheit." Ökologen, so warnte er eindringlich, sollten sich auf jeden Fall fernhalten vom "schlüpfrigen Terrain der Wirtschaftswissenschaftler und ihrer philosophischen Verbündeten." Doch genau dort, in den Händen der Utilitaristen, ist das Thema in der Zwischenzeit gelandet.

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