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Berlin : Nashornbaby aus der Retorte

  • -Aktualisiert am

Geboren am 23. Januar 2007: das erste Nashornbaby aus der Retorte Bild: REUTERS

Das weltweit erste Nashornbaby nach künstlicher Befruchtung ist im Budapester Zoo zur Welt gekommen. Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung hatten das Muttertier Lulu im September 2005 künstlich besamt.

          Noch ein wenig unsicher stapft das 38 Kilogramm schwere Nashornbaby durch das Gehege im Zoo von Budapest. Nichts fällt an dem stämmigen Weibchen auf, nur das Horn fehlt noch und deutet sich - wie bei allen Neugeborenen - durch eine flache Wölbung am Schädel an. Wie sollte man dem Tier auch ansehen, dass schon seine Geburt am späten Nachmittag des 23. Januar 2007 eine kleine Sensation ist? Und dass seine Existenz der unmittelbar vom Aussterben bedrohten Unterart des Nördlichen Breitmaulnashorns mit vielleicht nur noch einem Weibchen und zwei Männchen im fortpflanzungsfähigen Alter doch noch eine Chance geben könnte, obwohl das Baby selbst ein Südliches Breitmaulnashorn ist?

          Auch diese Unterart hatten Wilderer an den Rand der Ausrottung gebracht. Naturschützern in Südafrika aber gelang es, das Südliche Breitmaulnashorn zu retten, heute trotten wieder an die 11.000 dieser Dickhäuter durch die Savannen des südlichen Afrika. Auch in Zoos wie dem Budapester kann man diese Art bewundern. Nur hat man die Tiere früher in vielen Tiergärten unabsichtlich so gehalten, dass ihnen heute ein Teil ihres natürlichen Verhaltens fehlt: Sie zeigen nicht das geringste Interesse an Fortpflanzung.

          Eine künstliche Befruchtung sei sinnvoll

          „Lulu und Easyboy leben im Budapester Zoo wie Geschwister miteinander“, beschreibt Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin das Verhalten der beiden Dickhäuter. Eine künstliche Befruchtung sei daher sinnvoll. Dabei werden mit harmlosen Elektroschocks beim Männchen jene Nerven gereizt, die für die Ausschüttung von Samenflüssigkeit zuständig sind. Die Tiere müssen zuvor narkotisiert werden. Spezialisten wie Chris Walzer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien greifen zum Wirkstoff Etorphin, der von Morphin abstammt, aber 1500 Mal wirksamer ist. Eineinhalb Milliliter reichen, um einen sechs Tonnen schweren Elefantenbullen zu betäuben.

          Die Mutter Lulu kümmert sich um das Neugeborene

          Liegt der Dickhäuter erst einmal flach, massieren Hildebrandt und seine Kollegen Robert Hermes und Frank Göritz den einen Meter langen Penis mit seitlichen Hautflügeln. Der Penis des Bullen muss so lang sein, damit sein Samen auch die tief im Körper des Weibchens liegenden Eizellen erreicht. Eineinhalb Stunden dauert der Geschlechtsakt bei Nashörnern, mehrmals stößt der Bulle Samen aus, um im komplexen Gebärmutterkanal des Weibchens auch zum Erfolg zu kommen. Häufig schläft der erschöpfte Bulle noch während der Begattung ein - dann halten die Hautfalten den Penis an Ort und Stelle fest.

          Zwischen fünf und 40 Milliliter Samenflüssigkeit

          Easyboy im Budapester Zoo hat sich noch nie zu diesem Kraftakt aufgerafft. Daher wurden ihm zwischen fünf und 40 Milliliter Samenflüssigkeit entnommen. Schon wenige Stunden nach dieser etwa fünfzehnminütigen Aktion haben die Berliner Wissenschaftler auch Easyboys Partnerin Lulu narkotisiert und mit einem speziell für diesen Zweck am IZW entwickelten Katheter den Samen eingebracht - viel tiefer, als es der Bulle gekonnt hätte. Hildebrandt sieht mit der in fünf Jahren Forschung entwickelten und weiter verbesserten Methode der künstlichen Befruchtung durchaus auch Chancen für das Nördliche Breitmaulnashorn, dessen Restpopulation von etwa 30 Tieren im Nordosten der Republik Kongo weitgehend ausgelöscht wurde. Im Zoo von San Diego in Kalifornien leben noch zwei Männchen und zwei Weibchen, im tschechischen Zoo Dvur Kralove zudem zwei Weibchen. Allerdings ist vermutlich nur das jüngste Tier in der Tschechischen Republik überhaupt in der Lage, Kälber zu bekommen, da Nashornweibchen schnell ihre Fruchtbarkeit verlieren, wenn sie lange Zeit nicht begattet werden.

          Um die letzte Hoffnungsträgerin ihrer Art nicht zu gefährden, möchte Hildebrandt die Eizellen im Reagenzglas befruchten. Weil die beim Menschen und auch bei Pferden längst etablierten Methoden sich nicht auf Nashörner übertragen lassen, entwickeln die Berliner Forscher speziell für die Dickhäuter Cocktails aus Hormonen und anderen Wirkstoffen, die eine Eizelle im Reagenzglas reifen lassen. Samenzellen der letzten beiden Nördlichen Breitmaulnashornbullen sollen dann in wenigen Jahren die Eizellen befruchten. „Zum Glück lassen sich die Embryonen viel einfacher einfrieren als Samenzellen“, sagt Hildebrandt. So können einige Embryonen aufgehoben werden. Nur jeweils eine oder zwei befruchtete Eizellen werden einem Nashornweibchen eingepflanzt. Hildebrandt will Südliche Breitmaulnashörner als Leihmütter einsetzen, um das letzte fortpflanzungsfähige Weibchen der nördlichen Art zu schonen. In vier Jahren könnte ein kleines Kälbchen zur Welt kommen und die Naturschützer widerlegen, die das Nördliche Breitmaulnashorn weitgehend aufgegeben haben. Wegbereiter für den erhofften Erfolg wäre dann das Nashornbaby aus dem Budapester Zoo.

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