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Bartgeier in Schutzgebieten : Im Tal der Knochenbrecher

Der junge Geier „Felix“ im Flug. Bild: Michael Knollseisen

Die Bewohner der Alpen haben den Bartgeier nie geliebt. Doch die Riesenvögel sind auch von Nutzen. Seit fast dreißig Jahren versucht man, sie in Schutzgebieten wieder anzusiedeln. Kann das gelingen?

          7 Min.

          Das bittersüße Aroma des Todes empfängt uns. Wir haben unser Ziel erreicht. Während wir im Zickzack den regenfeuchten Steilhang hinaufkraxelten, dominierte noch der Geruch von Thymian, den die Bergschuhe zerrieben. Jetzt geben verwesende Lammhaxen den Ton an, auch ein Schädel liegt zwischen Geröll. Wir versuchen, nicht darüber zu stolpern oder der Übelkeit nachzugeben. Für Geier sind das Leckerbissen.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist kein Zufallsfund, sondern ein kontrollierter Futterplatz. An einem Pfosten ist eine Fotofalle installiert. Wildökologe Michael Knollseisen wechselt deren Speicherkarte und sichtet ausgespuckte Gewölle am Boden, bevor er seine blutige Last auspackt, um sie ins Gelände zu schleudern. An Haxen soll es den Geiern nicht mangeln. Für den 43-Jährigen ist das Routine, alle zwei, drei Tage kommt er hier hinauf. Unter uns fließt der Debantbach durch ein 16 Kilometer langes, von Gletschern geformtes Tal und schlängelt sich auf 1824 Metern Höhe an Kühen und der bewirtschafteten Hofalm vorbei. Dort verbringt Knollseisen den Sommer, damit er sich um Felix und Kilian kümmern kann – zwei Bartgeier, die hier in Osttirol am 23. Mai 2014 ausgesetzt wurden.

          In den Alpen sollen wieder Bartgeier leben

          Mitte Februar waren die beiden Jungvögel im katalanischen Centre de Fauna Valcallent beziehungsweise im tschechischen Zoo Liberec geschlüpft und gehören seither zu den Auserwählten für ein ehrgeiziges Projekt: In den Alpen sollen wieder Bartgeier leben. Über Jahrhunderte hinweg hatte man die heimischen Aasfresser erbarmungslos gejagt, gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es kaum noch Nachwuchs. 1930 wurde im italienischen Valle d’Aosta ein letztes Exemplar der ursprünglichen Population gesichtet. Dort hatte man 1913 noch stolz einen der mit bis zu 2,90 Metern Spannweite riesigen Vögel erlegt. Fortan mussten sie als ausgerottet gelten. Bis vor bald dreißig Jahren ihre Rückkehr begann.

          Vom schlechten Ruf der Bartgeier (Gypaetus barbatus), im Volksmund Lämmergeier genannt, zeugen im deutschen Sprachraum Redensarten und natürlich „Die Geier-Wally“, eine Geschichte aus den Tiroler Alpen. Wilhelmine von Hillern schildert in ihrem 1875 veröffentlichten Bergbauernroman, wie sich die ebenso mutige wie schöne Walburga Stromminger gegen den Vater auflehnt und mit den Gepflogenheiten der Gesellschaft bricht. Sie, die reiche, aber eigenwillige Erbin, die „als Kind scho a Geiernest ausg’nommen und mit dem alten Geier g’hakelt hat“, wird zur Schutzbefohlenen des von ihr geretteten Jungvogels. Ihren treuen Hansl verteidigt sie gegen alle Vorurteile und die „Büx’n“: „Hat er euch a Schaf g’holt oder a Kind?“, fragte Wally trotzig. „Nein!“ „No also – lasst mich ung’schoren mit mei’m Vogel!“

          Sie nehmen sich, was andere von Kadavern übrig lassen

          „Aber die Lämmer holt er doch.“ Nach wie vor hören Michael Knollseisen und seine Kollegen in den alpinen Nationalparks diese unberechtigte Klage. Obwohl sie alles dafür tun, die alte Feindschaft zu beenden. Als in den 1970er Jahren beschlossen wurde, die Geier ins mitteleuropäische Hochgebirge zurückzuholen, legte man von Anfang an Wert auf Öffentlichkeitsarbeit. Bartgeier stehen am Ende der natürlichen Nahrungskette.

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