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Bäume : Willkommen im Hain des ewigen Lebens

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In den Höhenlagen der Östlichen Sierra Kaliforniens wächst auf über 3000 Metern über dem Meeresspiegel, dort, wo sonst nichts mehr wächst, die Kiefernart Pinus longaeva. Bild: Richard Friebe

Das älteste Individuum der Welt lebt in Kalifornien. Es ist nicht Steven Tyler von „Aerosmith“, sondern ein Baum. An seinen auch nicht mehr jungen Artgenossen forschen Wissenschaftler auf der Suche nach alten Klimadaten - und dem Geheimnis des ewigen Lebens.

          Innsbruck erhält eine eigene Diözese. Und im englischen Billericay kommt ein Kind zur Welt, das später Schlagzeuger bei den Toten Hosen werden wird. Sonst passiert am 6. August 1964 nicht viel allzu Wichtiges in der Welt. Am Wheeler Peak in der Snake Range in Nevada ist es an jenem Tag extrem trocken und wolkenlos. Aber nicht zu heiß – auf 3277 Meter Höhe herrscht selbst im amerikanischen Südwesten eine gewisse Kühle. Der Ranger Don Cox ist mit einem kleinen Team angerückt, um einem jungen Geologen zu helfen, der dort versucht, Jahresringproben aus alten Bäumen zu entnehmen. Donald Currey sind seine Zuwachsbohrer – die wichtigsten Werkzeuge jedes Jahresringforschers – im harten Holz abgebrochen. Cox’ Leute haben eine Motorsäge dabei. Um die Mittagszeit fällt der Baum. Im Labor stellt sich dann heraus, dass mit jener später als „Prometheus“ bekannt gewordenen Kiefer am 6. August 1964 das älteste bekannte Lebewesen der Welt gestorben war.

          Was damals genau geschah, wer die Aktion beantragt und genehmigt hatte und mit welcher Begründung, darüber gibt es verschiedene Versionen. Currey, der später Geologieprofessor wurde und 2004 siebzigjährig starb, berief sich darauf, ein unerfahrener Jungforscher gewesen zu sein, der lediglich „um Hilfe ersucht“ habe. Eine andere Version berichtet von einem Waldarbeiter, der sich am 6. August weigerte, den Baum zu fällen, weswegen Cox tags darauf selbst zur Säge griff. Und da ist auch noch das tragische Schicksal von Fred Solace, einem erst 32-jährigen Mitarbeiter des Forest Service, der ein Jahr später – angeblich beim Anblick der Reste des toten Uraltbaumes – einen Herzinfarkt bekam und starb.

          Eine besondere Spezies

          Bäume und Wälder liefern also bis auf den heutigen Tag Stoff für Legenden. Die Geschichten um das Ende von „Prometheus“ sind aber auch Teil eines wichtigen Kapitels in der Geschichte des Naturschutzes in den Vereinigten Staaten. Denn der tragische und auf jeden Fall dümmlich verschuldete Tod jenes Baumes, der bei der Fertigstellung der Cheopspyramide schon mehr als 300 Jahre alt war, hat vor allem eines bewirkt: Die Arten Pinus longaeva (Langlebige Kiefer) und Pinus aristata (Grannenkiefer) wurden an vielen Orten, an denen sie vorkommen, unter Schutz gestellt. Der Great-Basin-Nationalpark wurde unter anderem ihretwegen eingerichtet. „Prometheus“ starb also, wie der Naturschützer Darwin Lambert 1968 sinngemäß schrieb, als Märtyrer für seine Spezies.

          In den Höhenlagen der Östlichen Sierra Kaliforniens wächst auf über 3000 Metern über dem Meeresspiegel, dort, wo sonst nichts mehr wächst, die Kiefernart Pinus longaeva.
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          Dass es eine so besondere Spezies ist, war Wissenschaftlern erst wenige Jahre zuvor klargeworden. Denn bis Mitte des 20. Jahrhunderts galten die Küstenmammutbäume, die in Nordkalifornien und Oregon stehen und höher als 110 Meter werden können, als die ältesten Bäume. Über sie berichtete etwa der legendäre Naturforscher John Muir, er habe bei einem gefällten Baum 4000 Jahresringe gezählt, was allerdings nie bestätigt wurde. 2000 Jahre alte Exemplare dieser Art sind allerdings tatsächlich nachgewiesen. Die Schlussfolgerung hieß bald: Riesengroß werden auf nährstoffreichem, feuchten Boden, das ist das Rezept für ein langes Baumleben.

          Klone aus dem Wurzelsystem

          Dann kam ein Jahresringforscher von der University of Arizona in Tucson. Edmund Schulman war auf der Suche nach möglichst altem Holz, dessen Jahresringe genaue Datierungen von lange zurückliegenden Ereignissen ermöglichen würden (siehe „Was zählt, sind Ringe“). Er hielt die gar nicht großen, oft skurril verkrüppelt wirkenden Kiefern in den Hochlagen von Kalifornien, Nevada und Utah für älter als die Küstenmammutbäume. Und in den kalifornischen White Mountains, in der Nähe der kleinen Stadt Bishop, fand er schließlich Beweise. Der älteste Baum, den er dort ausfindig machte, muss, wenn man nach der Zahl seiner Jahresringe geht, inzwischen 4841 Jahre alt sein. Schulman nannte ihn „Methuselah“, nach dem biblischen Altersrekordler gleichen Namens. „Methuselah“ wird heute wahlweise als ältester bekannter Baum oder auch schon einmal als ältestes bekanntes lebendes Wesen der Welt bezeichnet.

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