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Bäume : Willkommen im Hain des ewigen Lebens

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Tatsächlich können Bäume gar nicht anders, als stetig zu wachsen – inklusive der sich daraus ergebenden schon erwähnten Probleme. Auf der Suche nach dem Geheimnis der Unsterblichkeit stößt man also möglicherweise auch hier wieder auf dasselbe Dilemma wie in der Langlebigkeitsforschung an Mensch und Tier: Unsterblichkeit ist auf der Ebene der Zellen möglich, doch sie geht einher mit einer endlos fortgesetzten Zellteilung, und die ist ein Problem für das aus solchem Gewebe bestehende Individuum, selbst für die Langlebigen Kiefern, die sich der Vergänglichkeit auch durch ihr extrem gemächliches Wachstum entziehen.

Den Jahresringen entlang

Doch möglicherweise droht ihnen nun ungesunde Hast. Mitte September 2009 beispielsweise war es in den Kiefernhainen auf den White Mountains noch am späten Nachmittag warm genug, um im T-Shirt in den Massen alter Zapfen am Boden nach besonders schönen Exemplaren zu suchen. Die Bäume standen voll im Saft zu einer Zeit, in der in früheren Jahren hier schon der erste Schnee gefallen war. Zwar soll man aus Einzelbeobachtungen nicht gleich weitreichende Rückschlüsse ziehen. Doch ein paar Monate später erschien im Wissenschaftsjournal PNAS ein Artikel, der den Eindruck bestätigt: Die Vegetationsperioden hier oben sind länger und intensiver geworden. Und die sonst so langsamen Kiefern sind in den letzten 50 Jahren so schnell gewachsen wie in keiner anderen 50-Jahr-Periode ihrer Geschichte.

Die jungen Jahresringe sind dicker als je zuvor. Andere Wissenschaftler haben auch bereits nachgewiesen, dass andere Arten, auch Konkurrenten und Schädlinge der Langlebigen Kiefer, mit den steigenden Temperaturen die Hänge hinaufwandern. Der Nachwuchs der Kiefern kann ihnen kaum entgehen, denn viel höher geht es hier nicht. Auch ein eingeschleppter Rostpilz bedroht inzwischen die alten Bäume. Wie ernst diese Gefahr ist, ist bislang unklar.

Die Forschungsergebnisse zu den Reaktionen auf den Klimawandel kommen von Matthew Salzer von Laboratory of Tree-Ring Research an der University of Arizona in Tucson. Es ist der Ort, an dem die systematische Forschung mit Jahresringen Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen hatte, und zugleich der Ort, wo heute mit Hilfe der Baumringe intensiv an der Klimageschichte des amerikanischen Westens geforscht wird. Es ist außerdem der Ort, an dem unzählige polierte Bohrkerne uralter noch lebender oder seit Jahrtausenden schon toter Bäume lagern, deren Holz im trockenen Klima überdauert hat. Unter anderem von „Methuselah“, dem offiziell ältesten heute lebenden Baum, der in 21 Jahren so alt sein wird wie „Prometheus“ an seinem Todestag am 6. August 1964.

Um die fünftausend Jahre

Aber Tom Harlan, ein Veteran der Jahresringforschung, hat noch ein Juwel in seiner Obhut: einen Bohrkern einer weiteren Pinus longaeva im Schulman Grove. Dessen innerster Ring ist mindestens 4810 Jahre alt. Da der Bohrkern aber in Brusthöhe genommen wurde, schätzt Harlan, dass der Baum mindestens 200 Jahre älter ist und damit „Methuselah“ als Rekordhalter ablösen müsste. „Aus meinen Beobachtungen der Leute, die wissen, wo der derzeit älteste Baum steht, bin ich aber zu dem Schluss gekommen, den US Forest Service zwar über das Alter des ältesten Baumes zu informieren, aber nicht darüber, welcher Baum es ist“, sagt Harlan. „Der beste Schutz, den ich ihm verschaffen kann, ist Anonymität.“

Der Baum, so Harlan weiter, „wächst gut und dürfte, wenn er von Insekten, Feuer und Menschen verschont bleibt, sicher noch ein paar Jahrhunderte vor sich haben“. Zum 5000. Geburtstag hat ihm niemand Blumen oder ein Telegramm des Präsidenten gebracht – aber vielleicht hat er ja Nachwuchs bekommen.

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