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Bäume : Willkommen im Hain des ewigen Lebens

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Es ist allerdings eine Frage der Definition. Manche Pflanzen, darunter auch Bäume, scheinen eine noch deutlich längere Lebensgeschichte zu haben (siehe „Eiben, die bleiben“) – freilich als vegetativ vermehrte oder immer wieder aus ein und demselben Wurzelsystem hervorgehende Klone. Was überirdisch von ihnen sichtbar ist, sind durchweg eher junge Pflanzen. Vielleicht ist es also korrekter, „Methuselah“ und anderen sperrigen Kiefer-Greisen den sperrigen Titel der ältesten nichtklonalen Individuen der Welt zu verleihen.

Groß muss nicht sein

Dorthin, wo „Methuselah“ lebt, kann man inzwischen mit dem Auto fahren. Zu Ehren des Entdeckers heißt das Waldstück heute Schulman Grove. Auf dem steilen und kurvigen Weg ist man fast geneigt, wieder umzukehren, denn irgendwann erreicht man die Baumgrenze, danach folgt hochalpine Landschaft – nur noch hie und da wachsen zerzauste Büsche, Gestrüpp und Gräser zwischen Fels und Geröll. Es geht weiter bergauf, und man denkt sich: Weiter oben kann ja kein Wald mehr kommen. Doch auf etwa 3000 Meter Höhe zeigen sich unvermittelt wieder Nadelbäume, kaum einer höher als vier oder fünf Meter. Viele von ihnen sehen auf den ersten Blick bemitleidenswert zerrupft aus. Höhere Stämme sind abgebrochen, häufig zieht sich nur noch ein dünnes Band Rinde nach oben, das Nadeln und Zapfen versorgt. Große Teile der Stämme haben gar keine Rinde mehr, das steinharte, hellbraune Holz glänzt in der Hochgebirgssonne.

Doch genau jene Bäume, die auf den ersten Blick mehr tot als lebendig wirken, sind die ältesten der Welt.

Hier oben ist das Klima harsch, der Boden mager. Niederschlag fällt extrem wenig. Von den angeblichen Langlebigkeitsfaktoren der Mammutbäume ist weit und breit nichts auszumachen. „Wir glauben inzwischen, dass Größe sogar hinderlich für die langfristigen Lebensaussichten eines Baumes sein kann“, sagt Rick Boyce von der Northern Kentucky University in Highland Heights. Er arbeitet hauptsächlich an der Rocky-Mountain-Grannenkiefer, Pinus aristata. Sie kann mit bislang bekannten 2500 Jahren ebenfalls sehr alt werden – und bis vor 40 Jahren wurde sie auch noch zur selben Art gezählt wie „Methuselah“.

Zapfen in Fülle

Für Boyce lauten die wichtigsten Zutaten im Langlebigkeitsrezept der alten Kiefern Langsamkeit und Bescheidenheit. Er glaubt, dass es einen Grund dafür gibt, dass die ältesten Bäume der Welt gerade jene sind, die fast tot aussehen und deren lebende Teile nur noch von einem dünnen Band Rinde und Splintholz versorgt werden: „Wenn du ein Baum bist und immer weiter wächst, immer dicker wirst, musst du auch immer mehr Gewebe versorgen“, sagt Boyce, „dafür müsstest du auch immer mehr Photosynthese betreiben, und da stößt du irgendwann an deine Grenzen.“ Die Krone kann aus rein mechanischen Gründen nicht immer breiter werden und mehr Licht einfangen. Der Baum erreicht ein Stadium, in dem der Energiebedarf für die Selbsterhaltung größer wird als das, was er leisten kann. Atmung und Stoffwechsel geraten aus dem Gleichgewicht, er ist geschwächt, wird anfälliger für Stürme und Schädlinge. Und fällt irgendwann um.

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