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Bär & Mensch : Zum Fressen gern

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Verkehrte Welt: Diese beiden Braunbären verirrten sich in einer Stadt im Norden Japans - und wurden kurz darauf erschossen Bild: dapd

Ob als Spielzeug, Werbeträger oder Zooattraktion - der Bär ist dem Menschen seit jeher ein Sympathieträger. Und das zu Unrecht. Denn je weniger sie sich begegnen, desto besser ist es für beide.

          7 Min.

          Bären sind dem Wesen nach nur schwer zu ergründen. Man kann es immerhin versuchen, wie der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud, der für seinen Film „L'ours“ vier Jahre Dressurtraining ansetzte, anschließend 140 Millionen Francs in die Dreharbeiten steckte und das Ganze mit Musik von den Londoner Symphonikern unterlegen ließ.

          Die Handlung geht ungefähr so: Braunbärjunges verliert Mutter, wandert ziellos umher, trifft ausgewachsenen Bären, der dem Kleinen alles beibringt, was er zum Überleben braucht, also Fischen, Jagen und den Umgang mit Weibchen. Brutale Jäger wollen den Altbären umbringen, kleiner Bär gerät in Gefangenschaft, wird wieder freigelassen und von einem Puma verfolgt. Lage irgendwann aussichtslos, ein letzter tapferer Fiepsversuch, und tatsächlich: Der Puma sucht das Weite. Aber nur, weil der Alte sich von hinten angeschlichen und mächtig gedroht hat. Großes gegenseitiges Abschlecken und finales Aufsuchen einer Höhle zum Winterschlaf.

          „A little bit grizzly, but in Kodiak-Color“, urteilte der Kritiker Harry Rowohlt zum Filmstart im Oktober 1989. Das Einspielergebnis lag bei 100 Millionen Dollar.

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          Der Tod Timothy Treadwells

          Man kann es auch versuchen wie Timothy Treadwell. Der kalifornische Surfer und erfolglose Schauspieler ließ mit Anfang dreißig die Finger von den Drogen und ging nach Alaska, um dort unter Grizzlys zu leben. 13 Sommer lang pirschte er ihnen im Katmai-Nationalpark nach, fasziniert selbst noch dann, wenn er nur auf einen Haufen Bärenscheiße stieß. „Alles an ihnen ist perfekt“, sagte er.

          Treadwell gab den Tieren Namen, streichelte ihren Nachwuchs, kroch wie sie auf allen vieren durch die Gegend. Am 5. Oktober 2003 regnete es. Seine Freundin Amie Huguenard lag im Zelt, während er versuchte, einen ungewöhnlich zudringlichen Bären zu verscheuchen. Sie schaltete die Videokamera ein, ohne die Kappe vom Objektiv zu nehmen.

          So kündet nur eine Tonspur von den letzten Momenten der beiden. Treadwell brüllt: „Komm raus, ich werde umgebracht!“ Sie ruft: „Spiel toter Mann!“ Von ihm kommen in der Folge nur noch unartikulierte Laute. Offenbar reißt ihn der Bär in Stücke, während sie voller Verzweiflung mit der Bratpfanne auf den Angreifer einschlägt. Das dauert vier Minuten, dann verstummt Treadwell. Bis das Band endet, sind nur noch die entsetzlichen Schreie von Huguenard zu hören.

          „Es ist falsch, Bären zu lieben“

          Zwei Tage später traf eine Bergungsmannschaft ein und erschoss zwei Bären, die sich in der Nähe des Zeltes herumtrieben. Im Magen des einen fanden sich menschliche Überreste. Von Timothy Treadwell sammelte man andernorts noch den Kopf ein, etwas Schulter und Unterarme samt Armbanduhr, die einwandfrei funktionierte. Von Amie Huguenard war weniger übrig geblieben.

          Der deutsche Regisseur Werner Herzog hat über die Geschehnisse im Katmai-Nationalpark den Dokumentarfilm „Grizzly Man“ gedreht. Dazu hat er Treadwells Videomaterial ausgewertet, außerdem Freunde, Buschpiloten, Ranger und Bärenforscher befragt. Sein Urteil fällt harsch aus: „Es ist falsch, Bären zu lieben.“ Was Treadwell selbstverständlich anders sah. Einer der Piloten berichtet, er habe Bären behandelt, als seien es verkleidete Menschen. In Wahrheit sei der einzige Grund, warum sie ihn so lange in Ruhe gelassen hätten, der, dass die Bären dachten, irgendetwas sei mit ihm nicht in Ordnung, er sei wahnsinnig. Bis einem von ihnen dann doch eingefallen sei: „Könnte trotzdem schmecken.“

          Das Verhältnis zwischen Bär und Mensch - es ist ein sonderbares. Auf der einen Seite gibt es kein beliebteres Spielzeugtier als den Teddy. „Pu der Bär“ von Alan Alexander Milne gilt als eines der erfolgreichsten Kinderbücher aller Zeiten. Nicht minder liebenswürdig kommt der Bär Balu in Kiplings „Dschungelbuch“ daher. Auch als Reklamefiguren sind Bären samt und sonders Sympathieträger erster Ordnung. Als der Hustinettenbär noch durch die Werbung trottete, konnte jeder seine Melodie mitbrummen. Auch der Slogan „Nichts geht über Bärenmarke“ gehört zu den Klassikern des Metiers. Die Begeisterungswelle, die dem kleinen Eisbären Knut im Berliner Zoo entgegenschlug, trug deutliche Anzeichen einer Hysterie.

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