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Ausstellung Meeresschutz : Die Berge der Plastik-Anrainerstaaten

  • -Aktualisiert am

Ausstellung „Endstation Meer? Das Plastikmuell-Projekt“ Bild: dapd

Die Anhäufung von Kunststoffresten in den Meeren bricht nicht ab: Wie viel Müll ist ökologisch verträglich? Eine Ausstellung in Hamburg sucht nach Antworten.

          Fukushima, die Chiffre für die japanische Atomkatastrophe, schreckt inzwischen mit Meldungen über Plastikmüll auf. Immer häufiger findet sich kontaminiertes Schwemmgut aus Kunststoff, das seit dem Tsunami-Unglück und der anschließenden Reaktor-Katastrophe vom März 2011 im Pazifik treibt, an den Stränden von Hawaii. Transportiert wird der Unrat von großräumigen Strömungssystemen, deren Wassermassen alles Schwimmbare über die Weltmeere treiben und in den Zentren rotierender Wasserwirbel zu riesigen Abfallhalden verdichten. Einmal in diesem Karussell angelangt, drehen die biologisch nicht verrottenden Objekte oft über Jahrzehnte ihre Runden und zerfallen durch Reibung, Ultraviolettstrahleneinwirkung und sich verflüchtigende Weichmacher in immer kleinere Teile.

          Lediglich 15 Prozent des Zivilisationsschrotts sind als Müllteppich auf dem Wasser zu sehen. Weitere 15 Prozent stranden irgendwann an den Küsten, der Rest sinkt auf den Meeresboden. Ein Mega-Kunststoff-Friedhof von den Ausmaßen Westeuropas, der größte von insgesamt fünf in den Weltmeeren, wächst als „The Great Pacific Garbage Patch“ vor Hawaii heran. Die Traumstrände dort sind mittlerweile mit unvergänglichen Plastikresten übersät. Auch andere Pazifikanrainerstaaten, ebenso Atlantik, Nord- und Ostsee kämpfen mit den fatalen Hinterlassenschaften der Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Weltweit werden pro Sekunde achttausend Kilogramm Kunststoff hergestellt, und schon jetzt gibt es keinen Kubikmeter im Meer, der frei wäre von alten Plastikteilen. Mit 6,4 Millionen Tonnen eingespültem Müll im Jahr wird die gigantische Plastiksuppe immer dicker.

          Ein blauer Helm liegt auf der Installation «Plastikschwemmgut».

          Mit der Züricher Wanderausstellung „Endstation Meer“ macht das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe auf das ökologische Drama aufmerksam. Die hässlichen Seiten und Gefahren der alltäglichen Verschwendung von Kunststoff sind dort drastisch aufbereitet - in Comics, Installationen, Fotos, Videos und Konsumartikeln.

          Die Irritation der Besucher gelingt gleich hinter dem Eingang, wo bunte, ausgelaugte Plastikbruchstücke wie kostbare Kunstobjekte in einer Vitrine präsentiert werden. Eine Treppe höher türmt sich zwischen der Darstellung von „Plastik im Meer“ und „Plastik im Alltag“ meterhoch eine symbolische Monsterwelle aus kaputtem Spielzeug, Tüten, Flaschen, Schuhen, Getränkekisten, Zahnbürsten, Autoreifen und Kanistern. Der Plastikkram stammt aus Strandsäuberungen auf Hawaii, Sylt und Fehmarn. Ganz oben auf der Liste: PET-Flaschen, Plastiktüten, Lebensmittelverpackungen. Styroporbecher überdauern 50 Jahre, Sixpack-Ringe 200, Plastikflaschen und Einwegwindeln 450, Fischernetze 600 Jahre. Auch was im Meer nach und nach zu immer kleineren Krümeln zerbröselt, ist nicht aus der Welt: Übrig bleiben stecknadelkopfgroße „nurdles“, euphemistisch „Tränen der Meerjungfrau“ genannt.

          Teile des Kunstwerks «POLYMEER eine apokalyptische Utopie» (2012) von Alexandra Klobouk.

          Die giftigen Mikroplastikpartikel werden von Muscheln, Schnecken, Krebsen und Fischen mitverzehrt und gelangen am Ende über die maritime Nahrungskette auf unsere Teller. Noch scheinen die gesundheitlichen Folgen für den Menschen vage. Doch die Bilder vom Elend der Seevögel, Meeresschildkröten, Wale, Delphine und Robben, die Flaschendeckel, Feuerzeuge oder Reste von Plastiksäcken mit ihrem normalen Futter verwechseln und daran qualvoll ersticken oder mit vollem Magen verhungern, gehen nicht mehr aus dem Kopf. Zumal jetzt, wo im New Yorker Stadtteil Queens gerade ein völlig ausgezehrter achtzehn Meter langer Finnwal gestrandet ist, der vermutlich ebenfalls statt Krill und Schwarmfischen unverdaulichen Plastikschrott gefressen hat.

          Was aber gegen die Misere tun, wenn Kunststoffe doch so leicht, billig, multipel verwendbar und kaum kaputtzukriegen sind? Wenigstens reduzieren, umnutzen und wiederverwerten, sagt die Ausstellung. Ein Crash-Kurs für Laien liefert Kenntnis über Materialkunde, Einsatzgebiete und Risiken der gängigsten Kunststoffe. Eine Abkehr vom schnellen, gedankenlosen Konsum funktioniert indessen nicht ohne Alternativen und ökonomische Anreize für Produzenten. Visionen wie das „cradle to cradle“-Konzept, das jedes alte in ein neues Produkt transformieren will, oder „Zero Waste“, eine Welt ohne Abfall, gehören wahrscheinlich in das Reich der Utopie. Zynische Witzbolde raten, den gesamten Erdball zu seiner Rettung lieber gleich in Folie einzupacken. Die seit Beginn des Plastikzeitalters in den sechziger Jahren produzierte Kunststoffmenge würde dazu sechsmal reichen.

          Ausstellung

          Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Die Ausstellung ist bis zum 31. März geöffnet.

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