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Atomlager : Es sickert die Lauge, es rostet der Müll

  • -Aktualisiert am

Bild: Schachtanlage Asse / Überarbeitung F.A.Z.-Grafik Heumann

Im Atomlager Asse sind undichte Fässer gefunden worden. Für Fachleute ist das keine Überraschung: Der Gebirgsdruck setzt dem alten Grubengebäude zu und Laugen aus dem Kaliabbau durchtränken die Lagerkammern. Schon überlegt man, den Müll wieder zu bergen.

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          Es war wieder einmal eine Woche, in der es darum ging, den Schuldigen zu finden. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hielt einen Aktenordner in die Kameras und verkündete, darin fänden sich "unglaubliche Vorgänge". Die Grüne Renate Künast setzte noch eins drauf: Sie stellte Strafanzeige, denn die Verantwortlichen hätten offenbar "jahrzehntelang gemeingefährliche Straftaten begangen". Und alle waren sich einig: Im Atommüllager Asse in der Nähe von Wolfenbüttel ist gelogen und betrogen und die Öffentlichkeit hinters Licht geführt worden.

          Dabei hätten es wirklich alle wissen können. Seit mehr als hundert Jahren stößt man im ehemaligen Salzbergwerk Asse auf Laugenzuflüsse. Rund fünfzig Mal traten in dieser Zeit Salzlösungen aus dem Gestein. Die meisten versiegten von allein, andere konnten abgedichtet werden. Seit zwanzig Jahren freilich sind es 12 000 Liter pro Tag, die auf unbekannten Wegen über das Deckgebirge in das Grubengebäude strömen. Zum Skandal hätte das schon lange getaugt. Wenn sich nur mal jemand darum gekümmert hätte.

          Über 125 000 Fässer bis 1978

          Als die Bundesregierung das Asse-Bergwerk 1965 erwarb, gab es jedenfalls Hinweise genug, dass die Grube nicht ewig halten würde. Die Kammern im Steinsalz waren bis zu fünf Meter an das wasserführende Deckgebirge herangetrieben worden und zum Teil überdimensioniert. Der Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, damals noch unter dem Namen Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF), stand vor 3,5 Millionen Kubikmetern Hohlraum, die allein mit Atommüll gar nicht zu füllen waren. Doch erst einmal kam mit Ausnahme des hochradioaktiven Abfalls 13 Jahre lang alles hinein, was in der Bundesrepublik an schwach- und mittelaktiven Rückständen anfiel. Heißere Fracht war schon avisiert: 100 000 Graphit-Brennelemente aus dem Versuchsreaktor Jülich sollten in die Asse geliefert werden.

          Da fielen die Politiker zum ersten Mal aus allen Wolken. Als hätten sie bei zahllosen Grubenfahrten nicht sehen können, dass niemals daran gedacht war, die Abfälle jemals wieder herauszuholen. Anfangs waren die Fässer noch sorgsam gestapelt, später einfach abgekippt und mit Salz bedeckt worden; war eine Kammer voll, wurde sie mit Beton versiegelt. 125 000 Fässer verschwanden auf diese Weise auf der 750-Meter-Sohle, weitere 1300 mit stärker strahlenden Überbleibseln wurden mit erheblichem Aufwand weiter oben auf der 490-Meter-Sohle versenkt (siehe die Grafik). Alles war von den zuständigen Bergämtern und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt abgesegnet worden. Das galt auf einmal als große Überraschung und wurde 1978 beendet.

          Seit dreißig Jahren ruht der Müll nun in der Asse. Aber keineswegs sanft. In der Zwischenzeit sind tragende Pfeiler gebrochen. Obwohl der größte Teil der Hohlräume inzwischen mit Salz und anderem Material verfüllt ist, mögen Gutachter dem maroden Bergwerk nur noch eine Standzeit von sechs Jahren garantieren. Auch das war abzusehen; ein Wunder nur, dass das Grubengebäude nicht schon früher versagt hat. Insofern liefert der von Gabriel präsentierte Bericht, den die niedersächsische Landesregierung in Auftrag gegeben hatte, keine Neuigkeiten.

          Austretende Lauge

          Aus technischer Sicht geht es darin vor allem um die Laugen, die aus den feuchten Kaliabbauen der Asse sickern. Das Düngesalz war in den zwanziger Jahren gewonnen worden, die Kammern wurden später mit den Rückständen verfüllt. Seitdem suppt aus ihnen beständig Flüssigkeit, denn der Gebirgsdruck sorgt dafür, dass das gesamte Grubengebäude immer mehr zusammengedrückt wird. Ausgerechnet die 750-Meter-Sohle, auf der die meisten Abfälle lagern, sei "bekanntermaßen mit Lauge durchtränkt", sagen die Gutachter. Als dort 1988 Bohrungen niedergebracht wurden, trat sie an mehreren Stellen aus. Messungen zeigten, dass die Lauge anfangs geringe, dann immer höhere Konzentrationen Cäsium-137 aufwies; dieses Isotop kommt praktisch in allen radioaktiven Abfällen vor und geht besonders rasch in Lösung. Auf die Idee, dies könne ein Problem von größerer Tragweite sein, kam erst einmal niemand.

          Der jetzt vorgelegte Bericht widmet sich der Frage, wer da angesichts welcher Zuständigkeit zu welchem Zeitpunkt mit wem gesprochen hat, ein eigenes Kapitel. Eine detaillierte Auswertung der Akten hat inzwischen ergeben, dass die Angelegenheit wohl auf kurzem Dienstweg zwischen Bergamt und Betreiber erledigt wurde. Denn die Asse war nie nach dem Atomrecht, sondern immer nur nach dem Bergrecht genehmigt worden. Mit dem Strahlenschutz nahm man es dabei nicht allzu genau.

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