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Ascension : Das Experiment am Ende der Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Weil auf der öden Atlantikinsel Ascension kaum etwas wuchs, griffen britische Botaniker vor 150 Jahren massiv in das Ökosystem ein. Taugt ihr Ansatz als Vorbild für die Begrünung anderer Wüsten?

          Die Strafe war unerhört grausam, und wofür sie verhängt wurde, lässt sich heute nicht einmal mehr klären: Wegen "Sodomie", damals ein Sammelbegriff für gesellschaftlich unerwünschte sexuelle Praktiken, wurde der holländische Seefahrer Leendert Hasenbosch am 5. Mai 1725 auf der unbewohnten Atlantikinsel Ascension ausgesetzt.

          Was er dort vorfand war unerträglich öde: Die 91 Quadratkilometer große Insel, ein verlorener Fels im Atlantischen Ozean, rund 1600 Kilometer von der Küste Westafrikas und 2250 Kilometer von Brasilien entfernt, zeigte sich dem holländischen Robinson als kahler Vulkan, beherrscht von Krabben und Ratten. Seine Ernährung bestand fast ausschließlich aus Schildkröten und Vogeleiern, eine Wasserquelle war nicht zu finden. In seiner Verzweiflung versuchte er, Regenwasser in selbst gegrabenen Löchern zu sammeln, dann stieg er um auf Schildkrötenblut und trank seinen eigenen Urin. Ein halbes Jahr hielt er durch, dann war er verdurstet. Als ein britisches Schiff 1726 vor der Insel ankerte, fand die Mannschaft nur noch Hasenboschs Ausrüstung und sein Tagebuch.

          Entdeckung im Jahr 1501

          Die umfassende Lebensfeindlichkeit der Insel, die Hasenbosch wortreich beklagte und die auch anderen Reisenden auffiel, war der Anlass für ein spektakuläres biologisches Experiment, das im neunzehnten Jahrhundert durchgeführt wurde. Seine Folgen sind bis heute noch derart präsent, dass sich daran eine Diskussion über Chancen und Risiken aktueller Maßnahmen zur Erhaltung von Biodiversität knüpfen: Ascension, ein Vorbild für die Wüsten dieser Welt?

          Entdeckt wurde die Insel 1501, allerdings hatte mehr als 300 Jahre lang niemand Verwendung für Ascension. Eine französische Expedition hinterließ später als Fleischreserve ein paar Ziegen, die weite Teile der ohnehin spärlichen Pflanzenwelt auffraßen. Wenn überhaupt Menschen die Insel betraten, waren sie auf der Suche nach Nahrung oder Gäste wider Willen. 1815 gründeten die Briten auf Ascension eine kleine Garnison. 1967 richtete die Nasa eine Bodenstation ein wie später auch die Europäische Raumfahrtbehörde Esa, die von Ascension aus Ariane-Flüge überwacht. Heute sind die 885 Bewohner der Insel nahezu ausnahmslos beim Militär, in der Kommunikationstechnologie oder der Raumfahrt beschäftigt.

          Dass sie dort unter wesentlich angenehmeren Bedingungen leben als der arme Leendert Hasenbosch, hat auch mit Charles Darwin zu tun, der 1836 mit der HMS Beagle vor Ascension ankerte. Seine Tagebucheinträge sprechen ebenfalls von der überwältigenden Ödnis der Insel. In Küstennähe sei sie unbewachsen, auch Bäume fehlten vollständig. Nicht viel besser sehe es mit der Fauna aus. Darwin erkannte, dass ein Großteil der Tiere eingeschleppt worden war und auf der Insel ursprünglich keine Säugetiere lebten. Allein aufgrund menschlicher Einflüsse mussten sich die Landkrabben die Insel damals mit den allgegenwärtigen Ratten, verwilderten Katzen sowie Perlhühnern teilen. Darwin zitierte eine Bemerkung der Bewohner St. Helenas: "Wir wissen, dass wir auf einem Felsen leben, aber die armen Leute auf Ascension leben auf einem Stück Asche."

          Importierte tropische Pflanzenwelt

          Ähnliche Eindrücke gewann auch der britische Botaniker Joseph Hooker, der die Insel sieben Jahre später auf dem Rückweg einer Antarktisexpedition besuchte. Er legte 1854 als Direktor der berühmten Kew Gardens südwestlich von London der Royal Society einen Plan zur Bepflanzung der Insel vor. Hookers Idee war so einfach wie wirkungsvoll: Das wesentliche Hindernis einer ausgeprägten Pflanzenwelt sei der mangelnde Regen, schrieb er. Entsprechend sollten auf dem Vulkanberg Bäume gepflanzt werden, die den Nebel abfangen und so Feuchtigkeit und Regenfall erhöhen würden. Zudem müsse die Bildung tieferer Erde durch gezielte Pflanzungen befördert werden. Hookers Plan zielte also nicht darauf ab, direkt ein künstliches Ökosystem zu schaffen. Er wollte stattdessen mit Regenfall, Feuchtigkeit und Bodenbildung die Rahmenbedingungen erzeugen, in denen sich ein neues Ökosystem etablieren kann.

          Die Royal Navy folgte Hookers Plänen und importierte mehr als 220 verschiedene tropische Baumarten, Sträucher und Kräuter aus botanischen Gärten in England und den britischen Kolonien. Jeden Monat kamen neue Samen und Pflanzen wie Agaven, Akazien, Bambus, Eukalyptusbäume oder Feigen. Auf Hookers Empfehlung wurde ein Inselgärtner angestellt, der für die Pflanzungen sorgte.

          Auch wenn sich nicht alle Arten auf der Insel halten konnten, dokumentieren die Berichte der königlichen botanischen Gärten in Kew die rasante Ausbreitung einer neuen Pflanzenwelt. Heute findet sich auf Ascension ein expandierender Nebelwald, in dem die Pflanzen aus verschiedenen Weltregionen ein einmaliges Ökosystem bilden.

          Ein beispielhaftes Ökosystem?

          Was die Angelegenheit so interessant jenseits der Geschichte dieser Insel macht, ist die Geschwindigkeit, mit der sich Ascensions künstlich geschaffenes Ökosystem entwickelt hat - nicht in Jahrhunderten, sondern wenigen Jahrzehnten. Ließen sich nach diesem Vorbild nicht auch andernorts karge und ausgedörrte Landstriche in überschaubaren Zeiträumen wiederbeleben?

          Optimisten wie David M. Wilkinson, Biologe an der John Moores University in Liverpool, halten Ascension für ein vielversprechendes Modell ökologischer Entwicklungen. Hookers Plan könne gar als ein Vorläufer des modernen "Terraformings" betrachtet werden, also der künstlichen Schaffung lebensfreundlicher Umweltbedingungen, wie sie bezüglich anderer Planeten diskutiert wird.

          Aber lassen sich die Erfahrungen von Ascension wirklich so einfach auf andere Regionen übertragen? Unstrittig ist, dass die Bedingungen auf der Atlantikinsel einmalig sind. So wird etwa die Bildung eines Nebelwaldes auf dem Eiland durch einen feuchten Passatwind aus Westafrika begünstigt, während man auf derlei beim Wiederaufforsten von ausgedörrten Landschaften etwa im Amazonasbecken nicht zählen kann. Offen ist außerdem, wie der Klimawandel den Regenfall und die ökologische Entwicklung Ascensions beeinflusst hat und weiter beeinflussen wird - so könnten beispielsweise selbst kleine klimatische Schwankungen unabhängig von Hookers Pflanzungen zu einer erhöhten Feuchtigkeit auf der Insel beigetragen haben.

          Vor allem aber hat Wilkinsons Ideal der Erschaffung neuer Ökosysteme durchaus Schattenseiten, wie sich besonders in der Bedrohung von Ascensions ursprünglicher Pflanzenwelt zeigt. Denn selbst wenn das Eiland von nahezu allen Besuchern jahrhundertelang als trostlos wahrgenommen wurde, kann die Insel auf eine wechselvolle Naturgeschichte zurückblicken. Vor der Ankunft von Menschen kamen mindestens 25 Pflanzenarten auf Ascension vor, von denen zehn ausschließlich auf der Insel zu finden waren. Diese nach ökologischen Maßstäben geringe Vielfalt erklärt sich nicht nur durch die isolierte Lage der Insel, sondern auch durch ihren vulkanischen Ursprung: Einerseits ist das Eiland mit einem Alter von einer Million Jahren geologisch gesehen ausgesprochen jung, andererseits haben Vulkanausbrüche die Pflanzenwelt Ascensions vermutlich mehrfach tiefgreifend verändert.

          Dominanz der importierten Arten

          Den außergewöhnlichen Rahmenbedingungen der Insel entsprach vor dem Eingreifen der Menschen ein Ökosystem, das sich gegenüber dem Ansturm der neuen Arten nicht behaupten konnte. Die Bilanz nach gut 150 Jahren Terraforming auf Ascension zeigt, dass rund 90 Prozent der heute dort heimischen Pflanzen importiert sind und das ursprüngliche Ökosystem nahezu vollständig verdrängt worden ist. Mindestens vier Arten sind bereits ausgestorben, weitere ausschließlich auf der Insel beheimatete Pflanzen gelten als bedroht. Am offensichtlichsten sind die dramatischen Umwälzungen auf dem zentralen Vulkankegel, der einst von Farnen bewachsen war und auf dem nun der tropische Nebelwald wuchert: Guaven, Wein, Brombeeren, Feigen und Bananen - was sich nach einem paradiesischen internationalen Fruchtgarten anhört, erweist sich für die einheimischen Arten als nicht zu bezwingende Konkurrenz. Selbst die eigentlich unwirtliche Tiefebene wird zunehmend durch Tabak und andere belastbare Pflanzen besiedelt.

          Auch die eingeschleppten Tiere setzen der einheimischen Pflanzenwelt zu. Zwar sind die Ziegen und verwilderten Katzen mittlerweile von der Insel verschwunden, allerdings bleiben zahlreiche importierte Säugetiere verbreitet und wirbeln das ökologische Gleichgewicht durcheinander. Schafe, Esel, Kaninchen und andere Pflanzenfresser kümmern sich nicht darum, ob es sich bei ihrer Mahlzeit um eine bedrohte oder allgegenwärtige Pflanze handelt.

          Die Dominanz der importierten Arten ist so erdrückend, dass die Insel-Regierung 2001 ein Institut für Naturschutz gründete und den Schwerpunkt auf den Erhalt einheimischer Arten legt. Entsprechend skeptisch ist dort die Reaktion auf Wilkinsons enthusiastische Diskussion des neuen Ökosystems. Alan Grey, einer der Architekten des Naturschutzprogamms, sieht das neue und künstliche Ökosystem als Teil des Problems und nicht der Lösung. Die Bedrohung einheimischer Arten mache Ascension eher zu einem warnenden Beispiel für die Gefahren durch importierte Arten als zu einem Vorbild für ökologische Eingriffe.

          Arbeit an der Transpiration

          Wilkinson glaubt dagegen, dass die heutige Ökologie verschiedene Ziele auszubalancieren habe. Der Schutz einzelner Arten und die Bildung neuer Ökosysteme stünden zudem nicht zwingend in Konkurrenz, da der Erhalt bedrohter Spezies die Berücksichtigung des ökologischen Kontexts voraussetze. In einem bereits instabil gewordenen Ökosystem könne man sich nicht auf einzelne Arten konzentrieren, da Lebewesen auf hinreichend stabile Nischen angewiesen sind. Und die Stabilisierung einer Nische kann nach Wilkinson den Import neuer Arten und die Bildung künstlicher Ökosysteme notwendig machen, wie das Beispiel des Amazonasbeckens verdeutliche.

          In vielen Regionen reiche es dort nicht mehr aus, dass man sich nur um den Schutz unberührter Waldstücke kümmert. Die menschliche Zerstörung sei bereits so weit fortgeschritten, dass auch die noch intakten Teile des Ökosystems langfristig nicht stabil bleiben können. Erst durch den Import neuer Arten könne die Transpiration in einer Weise erhöht werden, dass der Regenfall wieder ein hinreichendes Niveau erreiche. Ökologische Eingriffe und die Bildung neuer Ökosysteme würden so die Rahmenbedingungen erzeugen, in denen sich auch wieder die Bestände einheimischer Arten stabilisieren können.

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