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Ascension : Das Experiment am Ende der Welt

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Vor allem aber hat Wilkinsons Ideal der Erschaffung neuer Ökosysteme durchaus Schattenseiten, wie sich besonders in der Bedrohung von Ascensions ursprünglicher Pflanzenwelt zeigt. Denn selbst wenn das Eiland von nahezu allen Besuchern jahrhundertelang als trostlos wahrgenommen wurde, kann die Insel auf eine wechselvolle Naturgeschichte zurückblicken. Vor der Ankunft von Menschen kamen mindestens 25 Pflanzenarten auf Ascension vor, von denen zehn ausschließlich auf der Insel zu finden waren. Diese nach ökologischen Maßstäben geringe Vielfalt erklärt sich nicht nur durch die isolierte Lage der Insel, sondern auch durch ihren vulkanischen Ursprung: Einerseits ist das Eiland mit einem Alter von einer Million Jahren geologisch gesehen ausgesprochen jung, andererseits haben Vulkanausbrüche die Pflanzenwelt Ascensions vermutlich mehrfach tiefgreifend verändert.

Dominanz der importierten Arten

Den außergewöhnlichen Rahmenbedingungen der Insel entsprach vor dem Eingreifen der Menschen ein Ökosystem, das sich gegenüber dem Ansturm der neuen Arten nicht behaupten konnte. Die Bilanz nach gut 150 Jahren Terraforming auf Ascension zeigt, dass rund 90 Prozent der heute dort heimischen Pflanzen importiert sind und das ursprüngliche Ökosystem nahezu vollständig verdrängt worden ist. Mindestens vier Arten sind bereits ausgestorben, weitere ausschließlich auf der Insel beheimatete Pflanzen gelten als bedroht. Am offensichtlichsten sind die dramatischen Umwälzungen auf dem zentralen Vulkankegel, der einst von Farnen bewachsen war und auf dem nun der tropische Nebelwald wuchert: Guaven, Wein, Brombeeren, Feigen und Bananen - was sich nach einem paradiesischen internationalen Fruchtgarten anhört, erweist sich für die einheimischen Arten als nicht zu bezwingende Konkurrenz. Selbst die eigentlich unwirtliche Tiefebene wird zunehmend durch Tabak und andere belastbare Pflanzen besiedelt.

Auch die eingeschleppten Tiere setzen der einheimischen Pflanzenwelt zu. Zwar sind die Ziegen und verwilderten Katzen mittlerweile von der Insel verschwunden, allerdings bleiben zahlreiche importierte Säugetiere verbreitet und wirbeln das ökologische Gleichgewicht durcheinander. Schafe, Esel, Kaninchen und andere Pflanzenfresser kümmern sich nicht darum, ob es sich bei ihrer Mahlzeit um eine bedrohte oder allgegenwärtige Pflanze handelt.

Die Dominanz der importierten Arten ist so erdrückend, dass die Insel-Regierung 2001 ein Institut für Naturschutz gründete und den Schwerpunkt auf den Erhalt einheimischer Arten legt. Entsprechend skeptisch ist dort die Reaktion auf Wilkinsons enthusiastische Diskussion des neuen Ökosystems. Alan Grey, einer der Architekten des Naturschutzprogamms, sieht das neue und künstliche Ökosystem als Teil des Problems und nicht der Lösung. Die Bedrohung einheimischer Arten mache Ascension eher zu einem warnenden Beispiel für die Gefahren durch importierte Arten als zu einem Vorbild für ökologische Eingriffe.

Arbeit an der Transpiration

Wilkinson glaubt dagegen, dass die heutige Ökologie verschiedene Ziele auszubalancieren habe. Der Schutz einzelner Arten und die Bildung neuer Ökosysteme stünden zudem nicht zwingend in Konkurrenz, da der Erhalt bedrohter Spezies die Berücksichtigung des ökologischen Kontexts voraussetze. In einem bereits instabil gewordenen Ökosystem könne man sich nicht auf einzelne Arten konzentrieren, da Lebewesen auf hinreichend stabile Nischen angewiesen sind. Und die Stabilisierung einer Nische kann nach Wilkinson den Import neuer Arten und die Bildung künstlicher Ökosysteme notwendig machen, wie das Beispiel des Amazonasbeckens verdeutliche.

In vielen Regionen reiche es dort nicht mehr aus, dass man sich nur um den Schutz unberührter Waldstücke kümmert. Die menschliche Zerstörung sei bereits so weit fortgeschritten, dass auch die noch intakten Teile des Ökosystems langfristig nicht stabil bleiben können. Erst durch den Import neuer Arten könne die Transpiration in einer Weise erhöht werden, dass der Regenfall wieder ein hinreichendes Niveau erreiche. Ökologische Eingriffe und die Bildung neuer Ökosysteme würden so die Rahmenbedingungen erzeugen, in denen sich auch wieder die Bestände einheimischer Arten stabilisieren können.

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