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Artenvielfalt : Als hätte Humboldt Regie geführt

Eine weitere Art aus der Gattung Boophis: Mehr als zweihundert Froscharten wurden auf Madagaskar entdeckt Bild: Miguel Vences

Kaum ein anderer Ort ist in den vergangenen Jahren so gut katalogisiert worden wie Madagaskar - das ist vor allem der Verdienst deutscher Naturforscher. Und nun explodieren dort in der Artenkrise die Artenzahlen.

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          Große Naturforscher waren stets auch große Sammler. Aber wer konnte vor ein paar Jahren wirklich ahnen, dass in einer Zeit, in der die experimentelle Laborforschung zur alles dominierenden Arbeits- und Denkweise der Biologie geworden ist, plötzlich wieder die Sammelleidenschaft der großen Naturalisten aufblühen sollte? Alexander von Humboldt, an diesem Mittwoch vor 150 Jahren in seiner Geburtsstadt Berlin gestorben, und Charles Darwin, der im selben Jahr sein Hauptwerk über den Ursprung der Arten veröffentlichte, würden sicher staunen, was es bei der von ihnen vorangetriebenen Inventarisierung der Tropen noch lange nach ihnen zu entdecken gibt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Madagaskar, die viertgrößte Insel der Erde vor der ostafrikanischen Küste, ist ein Paradebeispiel dafür. Kein anderes Zentrum der Artenvielfalt ist in den vergangenen Jahren so systematisch katalogisiert worden, und in kaum einem anderen der großen bedrohten Naturparadiese spielen deutsche Naturforscher eine so herausragende Rolle wie hier. In dieser Woche haben einige unter ihnen Bilanz gezogen - und einen alles andere als optimistischen Ausblick geliefert.

          Auf dem sechsten Internationalen Tropensymposion der Zoologen, das bis Freitag im Bonner Forschungsmuseum Alexander Koenig stattfindet, und in einer aktuellen Veröffentlichung in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften ist über eine unfassbare Explosion der Zahl neu entdeckter Arten berichtet worden. Ganz vorne sind die Amphibien angesiedelt. Seit Anfang der neunziger Jahre, als etwas mehr als 130 Amphibienarten in Madagaskar bekannt waren, was damals schon mehr als das Fünffache der Diversität in Mitteleuropa bedeutete, hat sich die Zahl auf derzeit 224 wissenschaftlich beschriebene Arten auf der Tropeninsel erhöht.

          Verteilte Vielfalt: Die Auswahl neuer, bislang völlig unbekannter Froscharten auf Madagaskar (orange Kreise) zeigt, dass die Fundorte nicht nur Schutzgebiete (rot eingefärbt) oder geschlossene Urwaldgebiete (grau) sind

          Zahl der Amphibienarten „gewaltig unterschätzt“ worden

          Hinzu kommen mindestens 129 Arten, die als gesichert gelten und bald zur Veröffentlichung anstehen, sowie 92 weitere Froschspezies, für deren Absicherung die Biologen noch Datenmaterial vor allem in den Lebensräumen der Tiere sammeln müssen. Eine enorme Vermehrung der Arten gab es auch bei den nahe verwandten Reptilien. „Wir rechnen damit, dass es mindestens 500 bis 600 Arten von ausschließlich hier vorkommenden Fröschen gibt und die Herpetofauna insgesamt annähernd tausend Arten umfasst“, sagte Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München.

          Mit der Katalogisierung der Amphibien und Reptilien gehört Madagaskar zu den wenigen nahezu abgeschlossenen zoologischen Inventaren in den artenreichen Tropen. Daraus lassen sich Schlüsse für die Biodiversität in anderen Tropenregionen ziehen: Die Zahl der Amphibienarten sei lange „gewaltig unterschätzt“ worden, schreibt eine deutsch-spanisch-italienische Forschergruppe in den „Proceedings“ (doi: 10.1073/pnas.0810821106). Gerechnet werde vielmehr damit, dass sich die Zahl weltweit verdoppeln oder gar vervierfachen könnte.

          Ära des Massenaussterbens und der Massenentdeckungen

          Miguel Vences von der Universität Braunschweig, der die Studie zusammen mit seiner Institutsmitarbeiterin Katharina Wollenberg sowie mit Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München, Jörn Köhler vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt, David Vieites vom Naturkundemuseum in Madrid und Franco Andreone vom Regionalen Forschungsmuseum in Turin veröffentlicht hat, bringt die Lawine der Neubeschreibungen auf den Punkt: „Paradoxerweise erleben wir simultan eine Ära des Massenaussterbens und der Massenentdeckungen.“

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