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Artenschutz : Hoffnung für einen Fisch

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Die Störe gehören zu den Knochenfischen. Sie leben ausschließlich auf der Nordhalbkugel der Erde. Bild: Prisma Bildagentur

In Deutschland ist der Stör vor hundert Jahren ausgestorben. Nach dem Ende der Sowjetunion droht ihm dort dasselbe Schicksal. Der Kampf gegen die Kaviar-Mafia und ein ehrgeiziges Zuchtprogramm sollen eine Fischart retten, die schon zu Zeiten der Dinosaurier existierte.

          Der Kaviar kam den Kontrolleuren irgendwie verdächtig vor. So musste ein Teil der teuren Delikatesse dran glauben. Das Rohprotein wurde vom Fett getrennt und im Labor der Agroisolab GmbH in Jülich als dickflüssiges, rötliches Öl einer „Multielement-Stabilisotopen-Analyse“ unterzogen. Mit diesem aufwändigen Verfahren beauftragen deutsche Behörden die Firma immer dann, wenn für organische Handelswaren ein Herkunftsnachweis geführt werden muss.

          Die Spezialisten wurden fündig. Die Kaviarprobe, die angeblich aus einer hessischen Störzuchtanlage stammte, führte geradewegs ins Herz des internationalen Handels mit einer bedrohten Tierart. Wegen Steuerhehlerei und Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz wurde der betrügerische Störzüchter im Herbst 2013 dann auch zu einem Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt.

          Kein Einzelfall: Das UN-Umweltprogramm (UNEP) schätzt den Jahresumsatz durch den Handel mit geschützten Spezies auf 50 bis 150 Milliarden Dollar. Noch einmal bis zu 23 Milliarden gehen auf das Konto der illegalen Fischerei. Während die Wilderer aufrüsten und immer professioneller werden, sehen Gesetzgeber, Strafverfolgungsbehörden und Liebhaber exotischer Lebewesen das illegale Treiben häufig nur als ein Kavaliersdelikt an.

          Die Spur führte zum Kaspischen Meer

          In Jülich ist man jetzt dabei, einen Kaviarkataster anzulegen. Anfangsinvestition: etwa zehntausend Euro, finanziert über das Zollkriminalamt Essen und die Europäische Union. Dazu kommen die Kosten von dreihundert Euro pro Einzeluntersuchung. Billig ist diese Art der Strafverfolgung nicht - aber sie besteht vor Gericht. „Stabile Isotope sind der physikalische Fingerabdruck der Natur“, sagt der Agroisolab-Geschäftsführer Markus Boner. „Jedes Isotop erzählt uns seine eigene Geschichte, zum Beispiel über die Beschaffenheit des Wassers, in dem der Beluga-Stör geschwommen ist, und über die Nahrung, die er gefressen hat.“

          So war auch das Stör-Weibchen, von dem die inkriminierte Probe stammte, keineswegs in der hessischen Zuchtanlage aufgewachsen. Es hatte im Kaspischen Meer gelebt, einer krisengeschüttelten Region, die geprägt ist durch umweltzerstörerische Erdölförderung, gewaltsam ausgetragene Territorialkonflikte und grassierende Armut. In den wilden neunziger Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unterhielten hier Neureiche eigene Fangflotten. Kämpfer aus den südrussischen Krisenrepubliken Dagestan und Tschetschenien finanzierten ihre Waffenkäufe über die Währung Schwarzer Kaviar. Ausgerüstet mit Sonaren, Navigations- und Kommunikationsgeräten, trieben Schnellboote die Störe mit Unterwassersprengungen wie Schlachtvieh vor sich her. Während auf dem Weltmarkt Nachfrage und Preis des Gourmet-Produkts in die Höhe schossen, lieferten sich Wildererbanden aus Russland, Turkmenistan, Kasachstan und Aserbaidschan blutige Kriege.

          Das Beluga-Weibchen, von dem der untersuchte Rogen stammte, muss mindestens die zwanzig Lebensjahre bis zur Geschlechtsreife überlebt haben. Vom Salzwasser des Kaspischen Meeres muss es ins Süßwasser der Wolga gewandert sein, um dort seichtes Brackwasser zum Laichen zu suchen.

          Das lebende Fossil

          Ihr Instinkt lässt die Störe Hunderte, manchmal Tausende Kilometer gegen den Strom schwimmen. So wie bereits ihre Vorfahren vor 250 Millionen Jahren. Auf diese Weise haben sie die Dinosaurier und etliche andere Tierarten unseres Planeten überlebt. Doch wo früher Sümpfe und Auen waren, da gibt es heute Kanäle. Wasserkraftwerke wie der 47 Meter hohe Staudamm bei Wolgograd schneiden den Fischen die alten Wanderwege ab. Die Flussbetten sind gespickt mit den Hakenleinen der Wilderer. Einer dieser nadelspitzen Haken muss sich dem Belugaweibchen beim Gründeln in die weiche Bauchdecke gebohrt haben. Traditionsgemäß wurde der Rogen lebend herausgeschnitten, eingesalzen, eingedost und auf dunklen Kanälen ins reiche Deutschland geschickt, über Kuriere, Firmen und Scheinfirmen. Verpackt, etikettiert und transportiert, umverpackt, umetikettiert und weitertransportiert.

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