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Artenschutz : Hoffnung für einen Fisch

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Die löchrigen Kontrollen

Immerhin ist der Handel mit Produkten von wilden Stören sämtlicher kaspischer Arten auch in Russland verboten. Geringe Fangquoten für wilde Störe gibt es nur für Forschungs- und für Nachzuchtzwecke. Als Russlands Kontrollorgan beim Export von Störprodukten und als offizielle Vergabestelle für das obligatorische CITES-Artenschutzsiegel fungiert das staatliche Institut für Fischzucht und Ozeanologie in Moskau. Auf dem Schreibtisch von Nikolaj Mjuge steht ein Aquarium, in dem zwei junge Störe rastlos ihre Runden drehen. Auch dem russische Staat war der Kampf gegen die Störwilderei schon hohe Investitionen wert: Für den Herkunftsnachweis von Kaviarproben kann der Molekulargenetiker Mjuge auf eine der weltgrößten Gen-Datenbanken mit rund zehntausend DNA-Mustern zurückgreifen. „Das funktioniert wie der Vaterschaftstest beim Menschen“, erklärt Mjuge. „Kaviar, bei dem wir nicht eindeutig nachweisen können, dass er tatsächlich aus Aquakultur stammt, würden wir niemals eine Exportgenehmigung erteilen.“

Beim innerrussischen Handel mit Störprodukten jedoch ist das Kontrollsystem löchrig. Seit das Fangverbot in Russland gilt, wird eben aus Kasachstan importiert. Auch in der südrussischen Unruherepublik Dagestan, wo das öffentliche Leben längst der staatlichen Kontrolle entglitten ist, geht die Störwilderei weiter. „Und jetzt kommt alles zusammen: die Wilderei, die Verbauung der Ufer und Flussläufe, die Verschmutzung des Kaspischen Meeres“, sagt Mjuge.

In Deutschland soll die Geschichte weitergehen

Das Drama einer sterbenden Art, die aus einem schnell schrumpfenden Genpool schöpft, offenbart sich schon beim näheren Blick in Mjuges Aquarium. Der kleinere der beiden Störe hat zwei Schnauzen. Er ist ein Mutant. „Seit etwa fünf Jahren werden nur noch so wenige Wildstöre gefangen, dass nicht einmal die geringen Fangquoten für Nachzuchtzwecke erfüllt werden können“, sagt Mjuge. „Wir steuern direkt auf den Zusammenbruch der genetischen Basis zu.“

Ausgerechnet in Deutschland, wo der Stör schon vor knapp einem Jahrhundert ausgestorben ist, soll die bedrohte Art eine Überlebenschance bekommen. In Born auf dem Darß, inmitten von Ostsee-Dünen und Dörfern mit reetgedeckten Häusern, soll die Geschichte der Urfische weitergeschrieben werden. Auf dem Innenhof der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern rangiert ein Kleintransporter. Gerd-Michael Arndt, Sachgebietsleiter Binnen- und Küstenfischerei, bereitet für vierhundert Exemplare des Atlantikstörs den Weg in die Freiheit vor.

An Oder und Elbe war der Stör das erste prominente Opfer von Staudamm-Bau und Flussbegradigung. Jetzt will die deutsche „Gesellschaft zur Rettung des Störs“ das Rad zurückdrehen: Seit 1996 wurden die Flussläufe mit rund einer halben Million Jungfische besetzt. Internationale Kooperationsprogramme mit den Fischereibehörden der Ostsee-Anrainerstaaten sollen den Laichtieren das unbehelligte Wandern ermöglichen.

Die sattgrüne Auenlandschaft im Nationalpark Unteres Odertal nahe Angermünde soll die Kinderstube für die nächsten Jungstöre sein. Das Wasser in den Transportbehältern brodelt vor zappelnden Flossen. Ein Mitarbeiter greift hinein. Zutage kommt ein Fischlein, groß wie seine Hand, das sich mit kräftigen Schwanzschlägen gegen den Griff wehrt. Mit seiner spitzen Schnauze, der filigran gemusterten Reptilienhaut und dem weißen Bauch erinnert es an ein winziges Krokodil. Ein Wesen aus der Retorte, aber ausgestattet mit dem Millionen Jahre alten Instinkt, gegen den Strom zu weit entfernten Laichplätzen zu wandern. Ob es sich nach Generationen der Intensivhaltung im Bassin daran erinnert? Etwas benommen verharrt der kleine Stör in der ungewohnten Oder-Strömung. Dann, mit einem Flossenschlag, ist er im trüben Uferschlamm verschwunden.

Die Recherche wurde von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert.

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