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Arachnologie : Auf acht Beinen durch die Nachbarschaft

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Wer hat Angst vor der Schwarzen Witwe?

Und wie steht es um exotische Giftspinnen, die immer wieder einmal nach Europa eingeschleppt werden? Bisher alles Einzelfälle, meint Jäger. Lediglich die amerikanische Schwarze Witwe habe das Potential, auch bei uns heimisch zu werden, was ihr trotz regelmäßiger Verschleppung, etwa in importierten Oldtimern, jedoch bisher nicht gelungen sei. Das potente Nervengift der Witwen der Gattung Latrodectus, das sich evolutionär offenbar nicht für die Jagd, sondern zur Abwehr von Wirbeltieren entwickelt hat, verursacht heftige Leibschmerzen und Schweißausbrüche. Die Wirkung wird in der Mär von der Killerspinne aber weit überschätzt: Bei sachgemäßer Behandlung überleben 998 von tausend Gebissenen ohne bleibende Schäden.

„Falsche Witwe“ wird Steatoda nobilis in England genannt. Ihr Biss ist harmlos.

Harmlos ist der Biss der Falschen Witwe (Steatoda nobilis) aus der Familie der Kugelspinnen. Diese Art hat sich, von den Kanarischen Inseln kommend, schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Südengland etabliert und sorgt dort im Sommerloch immer mal wieder für Spinnenängste. In Deutschland wurde sie erstmals 2011 in zwei Gartencentern in Köln nachgewiesen.

Bedeutendere Neubürgerin ist hierzulande die mit den Wolfsspinnen verwandte Kräuseljagdspinne (Zorobsis spinimana), die sich vermutlich von Norditalien aus in den letzten 10 bis 15 Jahren in Deutschland ausgebreitet hat. „Das könnte ein Effekt des Klimawandels sein, wobei die Art bisher nur an und in Gebäuden gefunden wurde“, sagt Jäger. Als Passagier in Fernbussen aus dem Mittelmeerraum angereist sein dürfte die inzwischen ebenfalls recht verbreitete Zitterspinnenart Holocnemus pluchei, die Jäger erstmals 1995 am Kölner Busbahnhof entdeckte. Ökologisch hält der Arachnologe das bisher für unbedenklich, offenbar gehe die neue Art ihren einheimischen Verwandten weitgehend aus dem Weg.

Zoropsis spinimana hat sich von Italien aus bei uns eingebürgert.

Dafür beteiligen sich die Zuwanderer nun am großen Fressen von Insekten, für das man den ungeliebten Spinnen durchaus dankbar sein sollte. Die vielzitierten 47 Tonnen Insektenbiomasse, die der kanadische Entomologe Bert Turnbull 1973 pro Hektar Landfläche und Jahr hochrechnete, dürften allerdings um einige Größenordnungen zu hoch angesetzt sein. Neuere Schätzungen liegen je nach Habitat zwischen einem und 40 Kilo Insekten, die pro Jahr und Hektar in den Kieferklauen von Spinnen enden - immer noch mehr als genug, um einen erheblichen Einfluss auf Insektenpopulationen zu haben.

Peter Jäger weiß aus Teenagerzeiten auch noch von einem anderen Nutzen der Spinnen zu berichten. Jenem Effekt nämlich, den seine damalige Vogelspinnensammlung auf Angehörige des anderen Geschlechts ausübte: Bei aufgeschlossenen Mädchen hätten seine Spinnen für mehr Bewunderung gesorgt als jede Briefmarkensammlung. Und Arachnophobikerinnen fand Jäger damals ohnehin doof.

Arachnophobia: Die Angst vor Spinnen

Die krankhafte Angst vor Spinnen gilt als eine der häufigsten Phobien. In einer Befragung britischer Psychologen aus dem Jahr 1993 gaben von 261 Erwachsenen 31 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer an, auf den Anblick von Spinnen mit Anspannung bis Verängstigung zu reagieren. Arachnophobiker soll auch der jüngst verstorbene Dracula-Schauspieler Christopher Lee gewesen sein, der in seiner Karriere durch sehr viele - wenn auch künstliche - Spinnweben hindurch musste.

Aber nicht nur für Grusel-Darsteller kann Spinnenangst ein berufliches Problem werden. Für einen Beitrag, der 2013 im American Entomologist erschien, dem Zentralorgan des amerikanischen Insektenkundlerverbandes, hatte Richard Vetter von der University of California in Riverside zuvor im selben Blatt nach Insektenforschern mit Spinnenangst gesucht. Es meldeten sich 41 Betroffene.

Ihre Antworten auf Vetters Fragen zeigen, welchen Unterschied zwei Beine mehr an einem Gliedertier machen können. Zwar war die Phobie bei den meisten Kollegen eher mild ausgeprägt, doch einige der Betroffenen gaben an, Spinnen verursachten bei ihnen die größten Ängste überhaupt. Die Suche nach den konkreten Auslösern ergab ein ähnliches Bild, wie man es von Arachnophobikern aus anderen Bevölkerungsgruppen kennt, wobei das Merkmal "viele Beine" die Liste anführte. Die meisten betroffenen Entomologen gaben an, ihre Ängste schon lange vor der beruflichen Ausrichtung als Kind erworben zu haben. "Den meisten war dabei durchaus bewusst, dass sich diese Ängste nicht rational erklären lassen. Einige fanden Trost in der Studie, weil sie erkannten, dass sie mit ihren negativen Gefühlen gegenüber Spinnen nicht allein waren", schließt Vetter.

Dass Wissen nicht vor ihnen schützt, ist eines der Merkmale von Phobien. Doch woher kommen sie? Einer gängigen Theorie zufolge ist die Furcht vor Spinnen, Schlangen und dergleichen ein genetisches Erbe aus der Zeit der Höhlenbewohner. Dagegen spricht, dass es weltweit nur eine Handvoll wirklich gefährlicher Spinnenarten gibt. Und selbst die dürften bei unseren Vorfahren zu selten mit Todesfolge zugebissen haben, um Spinnenphobikern einen evolutionär relevanten Überlebensvorteil zu verleihen. Zudem ist Arachnophobie ein typisch westliches Phänomen. Ausgerechnet in jenen Ländern, in denen giftige Arten vorkommen, tendieren die Menschen zu einem wesentlich entspannteren Verhältnis zu den Achtbeinern.

Sehr viel plausibler ist, dass uns der Keim zur Angst von der Umgebung eingepflanzt wird: Wenn ein Kind Zeuge panischer Reaktionen auf Spinnen wird, lernt es, die Tiere als etwas Angstbesetztes anzusehen. Bei einer passenden Persönlichkeitsstruktur wächst dieser Eindruck in der Folge zu einer veritablen Arachnophobie heran.

Diese soziale Weitergabe von Ängsten untersuchten in den achtziger Jahren die amerikanischen Psychologen Michael Cook und Susan Mineka in Versuchen mit Rhesusaffen, für die sich eher eine Freigabe der Ethikkommission erwirken lässt als für Experimente mit Kindern. Während in freier Wildbahn geborene Affen mit großer Aufregung auf den Anblick einer Schlange reagieren, blieben in Gefangenschaft ohne Kontakt mit Schlangen aufgewachsene Tiere beim ersten Kontakt mit den Reptilien völlig entspannt. Zeigten die Forscher ihnen jedoch ein Video mit der aufgewühlten Reaktion wilder Artgenossen, ließen sie sich bald nachhaltig von deren Angst anstecken. Das war selbst dann so, wenn die Tiere zuvor an den Anblick der Schlange gewöhnt worden waren. Eine gewisse Immunisierung gab es nur, wenn die naiven Affen zunächst längere Zeit andere, unbeeindruckte Laboraffen beobachten konnten. Dann ließen sich diese Tiere anschließend weit weniger vom Geschrei wilder Artgenossen beeindrucken.

Warum aber sind bei uns Phobien vor Schlangen oder Spinnen so verbreitet, nicht aber solche vor objektiv sehr viel gefährlicheren Dingen wie Handfeuerwaffen oder Autos? Die Forscher versuchten auch diese Frage zu beantworten. Sie zeigten ihren Makaken Videos verängstigter Artgenossen, auf denen der Grund dieser Angst nicht zu sehen war, und kombinierten diese Videos mit diversen Versuchsstimuli. Die Tiere entwickelten zwar wie erwartet Ängste vor Attrappen von Schlangen und Krokodilen, doch Furcht vor Blumen oder einem Plüschkaninchen ließ sich so nicht erzeugen. Die Psychologen deuteten dies als Hinweis darauf, dass Affe und vermutlich auch Mensch evolutionär bedingte Prädispositionen für bestimmte Ängste besitzen, etwa eine Abneigung gegenüber sich bewegenden, dem eigenen Körperschema sehr unähnlichen Lebewesen. Ob und gegen welche Tiere daraus eine Phobie wird, werde aber erst durch soziales Lernen und Weitergabe der Angst bestimmt. So vermuten einige Forscher einen kulturellen Ursprung der Arachnophobie im christlichen Mittelalter. Damals wurden Spinnen für Gehilfen des Teufels und Verbreiter von Tod und Krankheit gehalten. Überdeutlich findet sich diese Symbolik noch in der Novelle "Die Schwarze Spinne" von Jeremias Gotthelf aus dem Jahr 1842.

Wer erst einmal unter einer ausgewachsenen Phobie leidet, dem helfen solche Erkenntnisse über ihre Entstehung wenig. Heilung in fast allen Fällen bietet hingegen eine kognitive Verhaltenstherapie. Sie geht das Problem ganz pragmatisch durch langsam gesteigerte Konfrontation mit dem Angstauslöser an. Für Arachnophobiker könnte die ausgiebige Beschäftigung mit dieser Seite dafür ein erster Schritt sein.

  

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