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Arachnologie : Auf acht Beinen durch die Nachbarschaft

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Spinnen-Smoothie

Gefahr droht Winkelspinnen auch von den kaum sichtbaren Netzen der sehr viel schlankeren Zitterspinne. Verfängt sich eine Winkelspinne auf Wanderschaft darin, wird sie von den extrem langen Beinen der herangeeilten Zitterspinne gepackt und schnell in ein handliches Seidenpaket verwandelt. Erst dann folgt der Giftbiss. Dabei werden wie bei allen Spinnen auch Verdauungsenzyme injiziert, die das Innere der Beute in eine Art Smoothie verwandeln, der sich bequem aufsaugen lässt.

Die Baldachinspinne (Linyphia triangularis) wartet unter ihrem Netz auf Beute.

Zitterspinne und Winkelspinne haben es im Gefolge des Menschen zu großer Verbreitung gebracht. In der Natur leben sie in Höhlen, Häuser bieten ihr ähnliche Bedingungen. Weniger auf uns angewiesen sind die Spinnen des Gartens. In der Buchsbaumhecke etwa hängen Baldachinspinnen unter ihrem Netz. Dieses wird nach oben hin von Fäden gehalten, die auch als Stolperdrähte für fliegende Beutetiere dienen, welche dann auf das Netz abstürzen und von unten gepackt werden. Der Nachwuchs der etwa 500 mitteleuropäischen Baldachinspinnenarten ist hauptverantwortlich für den Glitzereffekt des Altweibersommers: Die kleinen Spinnen nutzen die an warmen Herbsttagen entstehenden Aufwinde, um sich mittels langer Flugfäden in teilweise beträchtliche Höhen zu befördern und so neue Lebensräume zu erschließen.

Einige Spinnen verzichten allerdings auf Netzbau und gehen lieber auf Pirschjagd. Zu ihnen gehört die an sonnigen Mauern anzutreffende Zebraspringspinne, eine von rund 100 mitteleuropäischen Vertretern ihrer Familie. Springspinnen fangen ihre Beute namensentsprechend im Sprung, wobei sie sich mit einem Haltefaden sichern. Das dafür nötige extrem gute räumliche Sehen ermöglichen ihnen mehrere große Komplexaugen, die den Tieren unter der Lupe ein beinahe niedliches Aussehen geben. Ähnlich große Augen haben auch die am Boden im trockenen Laub jagenden Wolfsspinnen.

In Tarnung und auf Tauchstation

Ein Lauerjäger ist hingegen die Veränderliche Krabbenspinne, die in Blüten auf Bienen, Wespen, Fliegen und andere Besucher wartet. Die Weibchen können sich farblich der jeweiligen Blüte anpassen und sind oft kaum zu entdecken.

Den wohl ungewöhnlichsten Lebensraum hat sich die heute streng geschützte Wasserspinne erschlossen. Sie verbringt dank einer von wasserabweisenden Haaren am Hinterleib gehaltenen Luftblase und einer aus Spinnfäden gebildeten, luftgefüllten Taucherglocke ihr gesamtes Leben im Wasser sauberer Tümpel. Von ihrer Glocke aus verlaufen Signalfäden, die etwa Insektenlarven und kleine Krebse verraten, die dann überwältigt und im trockenen Heim verspeist werden.

Der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium) beißt schmerzhaft.

Die Wasserspinne zählt zusammen mit dem Ammen-Dornfinger zu den wenigen Spinnenarten in Deutschland, deren Kieferklauen auch menschliche Haut durchdringen können. „Der Biss ist in etwa so schmerzhaft wie der einer Wespe - ich habe das selbst mal mit einer anderen Dornfingerart ausprobiert“, sagt Peter Jäger, Leiter der arachnologischen Abteilung des Senckenberg-Instituts in Frankfurt. Um einen Spinnenbiss zu erleiden, müsse man es aber schon darauf anlegen. Denn auch der Ammen-Dornfinger sei in Deutschland ziemlich selten und beiße nur zu, wenn er etwa bei der Verteidigung eines Eikokons gereizt werde. „Praktisch alle vermeintlichen Fälle von Spinnenbissen, die mir zugetragen werden, dürften in Wirklichkeit auf Wespen, Bienen oder Bremsen zurückzuführen sein“, sagt Jäger, dem schon als Kind jede Berührungsangst mit Spinnen fehlte.

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