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Arachnologie : Auf acht Beinen durch die Nachbarschaft

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Seither stehen Spinnen vor einem Problem, das auch Sportkletterer kennen: Wie bekomme ich den ersten Webfaden über den Abgrund? Weht eine leichte Brise, so braucht die Spinne dafür nur ihren Hinterleib in die Höhe zu recken: Der Faden wird vom Winde verweht, bis er sich irgendwo in der Vegetation verfängt. Das erklärt, wie manche Netze benachbarte Bäume verbinden oder sogar Bäche überbrücken können- den Rekord hält eine madagassische Art mit rund 25 Metern Netzspannweite. Will der Faden nicht fliegen, verankert die Spinne ihn an geeigneter Stelle und macht sich zu Fuß auf den Weg zur anderen Seite. Dabei hält sie den Faden mit einem ihrer acht Beine so in die Höhe, dass er sich nicht vorzeitig verfängt. Ist die Spinne auf einem geeigneten zweiten Ast in etwa auf gleicher Höhe angelangt, fixiert sie den Faden und verstärkt ihn mit weiteren Strängen zum sogenannten Brückenfaden. Der schwere Anfang ist gemacht.

Die Große Zitterspinne (Pholcus phalangioides) fehlt in keiner Wohnung.

Nun seilt sich das Tier von der Mitte des Brückenfadens aus ab und fixiert den weiterhin nach Bedarf aus ihrer Spinnwarze austretenden Strang auf einer festen Unterlage. Die entstandene Y-Form wird nach und nach um weitere Speichen ergänzt, dann folgt von innen nach außen eine erste, grobe Hilfsspirale. Nun beginnt die Spinne von außen nach innen mit dem Einbau der Fangspirale aus wesentlich elastischerem und vor allem klebrigem Material. Fehlt nur noch der von der Nabe des Radnetzes zum Versteck der Spinne führende Signalfaden, und nach einer guten Stunde Bauzeit ist das Netz fertig. Ein bis zwei Tage dient das fertige Netz dem Insektenfang, bevor die Erbauerin es wieder einholt oder zumindest einer Generalüberholung unterzieht. Das alte Netzmaterial wird dabei mitsamt anhaftenden Pollenkörnern und anderer Schwebeteilchen gefressen.

Warum klebt sich nicht am eigenen Netz?

Schon winzige Jungspinnen bauen perfekte Netze, die Bauanleitung ist also bereits irgendwo im Erbgut der Tiere verankert und muss nicht erst durch Versuch und Irrtum erlernt werden. Dass Kreuzspinnen sich nicht in ihren eigenen Klebfäden verstricken, hat mit einer Beschichtung ihres Körpers mit speziellen Kohlenwasserstoffen zu tun, wie Forscher der Universität Bern 2011 zeigten: Entfernten sie den Antihaftüberzug mit einem Lösungsmittel, so blieben Spinnenbeine ebenso im Netz hängen wie die ihrer Beute.

Das runde Netz der Radnetzspinnen ist nur eine von unzähligen Varianten, mit denen Vertreter der über 45 000 Webspinnenarten der Welt auf die Jagd gehen. Um einen Eindruck von dieser Vielfalt zu erhalten, braucht man gar nicht weit zu reisen. Schon die auf dieser Seite gezeigten einheimischen Arten weisen ein großes Spektrum an Netzformen auf.

Die Europäische Schwarze Witwe blieb bisher im Mittelmeerraum.

Im Keller und am Haus spannen Winkelspinnen der Gattung Tegenaria ihre Deckennetze, die sich in der Ecke zu einem Wohntunnel verjüngen. Diese behaarten und recht großen Spinnen sind zur Paarungszeit im Herbst besonders aktiv, die langbeinigen Männchen verlaufen sich dann oft in Badewannen und Waschbecken, wo sie empfindsamen Gemütern die Jahreszeit verleiden. Staubsauger und Abflüsse sind denn auch die häufigsten Orte, an denen Winkelspinnen zu Tode kommen. Tierfreundlicher sind Glas und Bierdeckel oder spezielle Spinnenfänger, mit denen sich die Tiere unbeschadet ins Freie bringen lassen. Dort haben die Tiere eine Chance, den Winter in einer geschützten Ritze in Kältestarre zu überstehen und einen zweiten Sommer zu erleben.

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