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Alphatiere : Wehe, wenn der Abschied naht

  • -Aktualisiert am

Das gibt Stress: Wenn Paviane die Machtfrage stellen, ist es mit dem Frieden vorbei Bild: Dorling Kindersley

Chef sein ist kein Amt auf Lebenszeit, auch Alphatiere müssen mal abtreten. Welches Schicksal droht ihnen dann? Bei Pavianen bedeutet ein Rücktritt ohne geklärte Nachfolge das Ende der Sozietät. Allgemeingültige Sanktionsverfahren bleiben ein Privileg des Menschen.

          In der Verhaltensforschung existiert schon seit längerem eine merkwürdige Lücke. Wie sich Tiere in einer Gruppe den Weg nach oben bahnen, ist hinreichend oft und detailliert beschrieben worden. Der umgekehrte Weg, der Abgang von der Spitze der Hierarchie, ist im Gegensatz dazu so gut wie unerforscht. Dabei ist er doch unausweichlich. Und man würde auch gern wissen, wie es weitergeht. Was passiert mit einem Schimpansen oder einer Hyänin, wenn er oder sie die Führung abgeben muss? Wie kommt es überhaupt zur Ablösung eines Alphatieres? Wird es im Kampf besiegt? Oder hat es, wie man den gerade scharenweise zurückgetretenen Politikern und Kirchenoberen unterstellt, eines schönen Tages einfach keine Lust mehr auf den Stress, den die herausgehobene Position zwangsläufig mit sich bringt?

          Als der Primatenforscher Toshisada Nishida vor Jahren auf einem Primatologenkongress das erste filmische Dokument einer Chefvertreibung in einer Schimpansengruppe im Mahale Mountain Reservat in Tansania präsentierte, saß auch der Autor dieser Zeilen im Publikum. Und neben ihm ein Professor der Verhaltensbiologie in den besten Jahren seiner Schaffenskraft. Der war vollkommen ergriffen von den gesehenen Bildern. Wie gebannt saß er da und sagte mit tiefem Ernst: „Weißt du was? Als Schimpanse würde ich das genauso machen.“ Hier offenbarte sich eine Sympathie von Chef zu Chef, von Forscher zu Schimpanse, vermittelt über die empfundene Ranggleichheit. Dem abgelösten Vorgänger weinte er jedenfalls keine Träne nach.

          Keine lineare Ordnung

          Nishidas Schimpanse war bei seiner Machtergreifung wirklich beeindruckend. Wie besessen schrie er nicht nur die anderen Affen heftig an, sondern noch dazu das Blätterdach des Dschungels. Dabei lief er, mit Armen und Beinen auf den Boden stampfend, zwischen den Bäumen hin und her, schüttelte da einen dickeren und riss hier einen dünneren Baum aus, um ihn durch die Gegend zu schleudern. Das dauerte eine Weile, bis auf einmal wieder Ruhe einkehrte. Währenddessen hatten die anderen um den Wütenden herum gesessen und ihm zugeschaut. Er hatte niemanden direkt angegriffen, und es schien, als ob die anderen ihm irgendwann durch irgendein Zeichen zu verstehen gegeben hatten, dass sie seine neue Rolle jetzt verstanden und akzeptiert hätten.

          Geschlechtertrennung: Schimpansen-Männchen bleiben immer in der Gruppe, während die Weibchen den Familienverband verlassen

          Eine Szene, die wohl auch auf den Menschen übertragbar wäre. Anders sieht das mit den verschiedenen Strukturen der Sozialsysteme im Tierreich aus. Sie lassen sich nicht ohne weiteres in eine lineare Ordnung bringen. Auch die Organisation menschlicher Gesellschaften war nicht zu allen Zeiten dieselbe. Heute wählen wir unsere Anführer, Minister und Staatsoberhäupter werden in Amt und Würden eingesetzt und wieder abgelöst, während Königsfamilien früher ewig herrschten, bis sie ihre Macht dann doch abgeben mussten.

          Ungewöhnlich sanfte Form des Übergangs

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