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Tal der Könige : Feuer in der Prinzengruft

Ja, wie sieht´s denn hier aus? Der Fußboden im Grab KV 40 nach der Entdeckung. Bild: dpa

Im „Tal der Könige“ in Ägypten fanden sich in einem Grab Reste von mindestens 50 Mumien, darunter viele Kinder. Wer waren sie?

          5 Min.

          Was für ein entsetzlicher Anblick! Von der Keramik blieben nur Scherbenhaufen, von den Textilien zerrissene Lumpen, von den Särgen nur einige morsche Holzsplitter und Fetzen bemalter Kartonage. Ganz zu schweigen von den Mumien - die Grabräuber hatten sie auf der Suche nach wertvollen Amuletten buchstäblich in Stücke gerissen. Wer ägyptische Altertümer liebt und an die sorgsam aufgestapelten Schätze Tutanchamuns denkt, der kann verzweifeln angesichts der Bilder, mit denen das Team um Susanne Bickel von der Universität Basel Anfang der Woche ihre Entdeckung der Öffentlichkeit bekanntmachte.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch das Chaos im Grab mit der Kennung KV40 (für „Kings’ Valley 40“) ist dennoch ein spektakulärer Fund. Bis die Baseler sich der Anlage 2010 annahmen, war davon nur ein mit Müll, Sand und Steinen fast völlig verschütteter Schacht bekannt. Nach der Säuberung stellte sich heraus, dass er in sechs Meter Tiefe zu einem Komplex aus fünf Räumen führt, in dem die Reste von mindestens fünfzig einbalsamierten Körpern lagen.

          Es ist diese Menge an Toten sowie die Tatsache, dass auch etliche Kinder und sogar sorgfältig mumifizierte Säuglinge darunter sind, die den Fall KV40 so außergewöhnlich machen. Denn die Schweizer Ägyptologen stießen keineswegs zum ersten Mal auf zertrümmerte Grabausstattungen. Seit 2009 untersuchen sie systematisch eine Reihe von Gräbern in südlichen Teil jenes Wüstentals nahe Luxor (siehe Karte), das zwischen etwa 1500 und 1100 vor Christus den Pharaonen der 18., 19. und 20. Dynastie des Neuen Reiches als Begräbnisstätte diente.

          Plünderer haben Scherben oder Splitter zurückgelassen

          Doch nicht nur ihnen. Die geräumigen bis riesigen, mit Bildreliefs und Hieroglyphentexten ausgeschmückten Herrschergräber machen gerade mal ein Drittel der Grüfte im sogenannten Tal der Könige aus. Die übrigen sind deutlich kleiner und vor allem undekoriert. Entsprechend gering war lange das Interesse an ihnen, zumal sich mangels Inschriften schlecht feststellen ließ, wer dort einst bestattet wurde.

          Die moderne Ägyptologie kann aber selbst einer kahlen, besenrein ausgeräuberten Grabkammer noch etwas abgewinnen, und sei es nur durch deren genaue Vermessung und Kartierung. Mitunter haben die Plünderer aber Scherben oder Splitter zurückgelassen, die eine Datierung ermöglichen. Und zuweilen gibt es mehr. In dem Grab mit der Kennung KV26 etwa fanden die Baseler bereits 2009 einen menschlichen Schädel, im Jahr darauf in KV31 die Überbleibsel von fünf Mumien und ein Stück bunt besticktes Leinen mit dem Namen Ramses III., zwischen 1194 und 1163 v. Chr. zweiter Herrscher der 20. Dynastie und letzter großer Pharao Ägyptens.

          64 Grabanlagen sind heute bekannt, von kleinen Gruben bis hin zur monströsen Gruft KV 5. Manche (rot) liegen auch über anderen. Das Baseler Team erforscht die undekorierten Gräber KV 26, 29, 30, 31, 32, 33, 40, 59, 61 und 64. Die Grundrisse stammen aus dem Theban Mapping Project und erfassen noch nicht Anlagen wie KV 40 und KV 64, deren Vermessung noch nicht abgeschlossen ist.

          Anfang 2012 schließlich entdeckte Bickels Team sogar ein bis dahin gänzlich unbekanntes Grab, das daraufhin die Nummer KV64 bekam. Darin fanden sie die zerfledderten Reste der Bestattung einer Dame aus der Zeit der 18. Dynastie - und darauf den unberührten Sarg samt Mumie der „Sängerin des Amun“ Nehemes-Bastet aus der Zeit der 22. Dynastie. Vierhundert Jahre nach der ersten Bestattung war das Grab also wiederverwendet worden, nachdem es zwischendurch von Räubern heimgesucht worden war, wahrscheinlich zu Zeiten der späten 20. und 21. Dynastie, als das Reich am Nil im Niedergang begriffen war.

          Damals muss auch das nun in die Schlagzeilen geratene Grab KV40 zum ersten Mal geplündert worden sein. Das konnten die Baseler Forscher etwa aus den Holzresten schließen. „In dieser Zeit wurde auch Holz wiederverwendet“, sagt Susanne Bickel. „Die Särge wurden vor Ort zerlegt, die großen Bretter mitgenommen, zurück blieben lediglich Ecken und runde, weniger gut wiederverwendbare Stücke.“ Danach wurde auch KV40 zur Zeit der 22. Dynastie, im 9. Jahrhundert v. Chr. neuerlich genutzt, wovon etwa die Fragmente bemalter Mumienmasken aus Kartonage zeugen.

          Auch die Toten wurden ausgeraubt

          Doch anders als Nehemes-Bastet in KV64 wurden auch diese Toten ausgeraubt, allerdings erst im späten 19. Jahrhundert. „Da wurde primär für den Kunstmarkt gestohlen“, sagt Bickel und erklärt so etwa das weitgehende Fehlen sogenannter Kanopenkrüge. Anschließend legten die Spitzbuben Feuer. „Es sieht so aus, als wären vier Fackeln, je eine im Zentralraum und den drei Seitenräumen, geworfen worden, bevor die Räuber das Grab verließen“, sagt Bickel.

          Die Flammen schwärzten alle Räume, loderten heiß, aber nicht lange. „Durch die schnelle Zuschüttung des Schachtes, mit der die Räuber ihre Spuren verwischten, erstickte das Feuer bald. Daher ist am Boden in unmittelbarer Nähe der jeweiligen Brandherde fast nur noch Asche, gleich daneben hat sich aber vieles doch erstaunlich gut erhalten.“

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