https://www.faz.net/-gwz-8xt6s

Namensgebung : Zwischen Tradition und Lallform

  • -Aktualisiert am

Soziale Konnotationen aber wandeln sich, und das ist einer der Gründe, weswegen sich das Inventar an Namen ständig verändert. Dabei sind die Entwicklungen schwer vorherzusagen. So waren Heinz, Fritz, Klaus ihrer Kürze wegen vor hundert Jahren schick: Um sich abzugrenzen integrierte sie die Oberschicht in den zwanziger Jahren in Bindestrichnamen, die heute meist nur noch Rentner tragen. Moden kommen und gehen.

Jahrtausendelang reichte nur der Rufname

Die Namensgeschichte kennt allerdings auch weitgehend irreversible Entwicklungen. So hatten die Menschen jahrtausendelang lediglich einen Namen, den Rufnamen, schreibt der Freiburger Namensforscher Konrad Kunze. Sie hießen Abraham, Sokrates oder Asterix. Das Drei-Namen-System der Römer (Publius Cornelius Tacitus) ist eine erstaunliche Ausnahme dieser Regel. Familiennamen tauchten zur besseren Unterscheidung erst im neunten Jahrhundert in Venedig auf. Hierzulande setzten sie sich im späten Mittelalter durch.

Da hatte sich die Namenskultur auch anderweitig gewandelt. Die Germanen hatten ihre Kinder im Frühmittelalter im Hinblick auf den Klang benannt, nun achteten sie mehr auf die Bedeutung. Ihre Namen bestanden aus zwei Teilen, die verschiedene Eigenschaften verkörperten. Gudrun zum Beispiel ist aus den althochdeutschen Wörtern für „Kampf“ und „Geheimnis“ zusammengesetzt. Gernot besteht aus „Speer“ und „Gefahr“, Gerlinde aus „Speer“ und „sanft“. Das Zweitglied dieser Namen bestimmt meist das Geschlecht. Männernamen endeten auf -wolf (Wolf), -brand (Waffe) oder -ger (Speer), Frauennamen auf -hilt (Kampf), -heit (Wesen) oder -burg (Schutz). Das Erstglied hingegen wurde aus Begriffen für Krieg, Tiere, Herrscher, Kult und Gefühle gebildet. Später zerfiel diese Zweigliedrigkeit germanischer Personennamen, die Komposita kontrahierten oder zerfielen in ihre Bestandteile. Aus Bernhard wurde Bernd, aus Adalwolf Adolf; Wolfgang verkümmerte zu Wolf, Brunhilde zu Hilde oder Hilda.

Die Qual der Wahl

Vom Mittelalter an bestimmte dann hauptsächlich die Religion die Namenswahl. Die Christianisierung zog eine Abwertung von als heidnisch empfundenen germanischen Namen nach sich, wodurch auch der Primat der Bedeutung von Namensbestandteilen verschwand. Stattdessen setzten sich mehr und mehr die Namen von Heiligen durch und damit hebräische, griechische und lateinische Formen wie in Johannes, Christophorus oder Martin. Geradezu programmatische Namen breiteten sich unterdessen in Zentren der Pietisten aus: Traugott! Helfgott! Gottlobine! Fürchtegott! Ein Name als Imperativ.

Vom 16. Jahrhundert an dominierten schließlich die Nachbenennungen. Kinder wurden nach Paten oder Großeltern benannt, je nach der jeweiligen Familientradition. Darunter litt natürlich die Namensvielfalt, weshalb es bald üblich wurde, Kindern mehrere Vornamen zu geben. Johann Sebastian Bach erhielt seine Vornamen in dieser Zeit, ebenso Gotthold Ephraim Lessing oder Johann Wolfgang von Goethe, der dem Namen Lotte – als Charlotte ein Import aus dem prestigeträchtigen Französischen – seinerzeit zu großer Bekanntheit verhalf.

Erst als der Staat Ende des 19. Jahrhunderts mit der Einführung der Standesämter die Verwaltung der Namen übernahm, begannen sich diese Traditionen wieder aufzulösen. Seit damals nahm die Vielfalt der Vornamen schnell zu, gleichzeitig wurde der Klang immer wichtiger. Damit fingen allerdings zugleich die Probleme heutiger Eltern an. Darf ich mein Kind so nennen? Soll es wirklich so heißen? Und was wird die Familie bloß sagen? Entspannt euch, Eltern. Und denkt vielleicht antizyklisch. Andreas ist sicher bald wieder schwer angesagt.

Literatur:

Damaris Nübling, Fabian Fahlbusch, Rita Heuser: Namen. Eine Einführung in die Onomastik. Narr Verlag, Tübingen 2015.

Weitere Themen

Topmeldungen

G-7-Gipfel in Biarritz : Jetzt wird es ungemütlich

Bislang hat Donald Trump auf dem G-7-Gipfel in Biarritz alles und jeden gelobt. Doch an diesem Sonntag stehen die weltweiten Handelskonflikte auf der Agenda. Die Stimmung dürfte frostiger werden – auch bei Angela Merkel.
Die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor dem Start der siebzehnten Vogtland-Veteranenrallye.

AKK und Maaßen in Sachsen : Er war schon vor ihr da

Annegret Kramp-Karrenbauer macht im sächsischen Vogtland Wahlkampf. Auch Hans-Georg Maaßen war dort schon für die CDU unterwegs – und sorgte dafür, dass für den Bundestagsabgeordneten Heinz eine Welt zusammenbrach.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.