https://www.faz.net/-gwz-8xt6s

Namensgebung : Zwischen Tradition und Lallform

  • -Aktualisiert am

Neu ist der Befund, den die Namensforscher seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts registrieren: einen Trend zur Entmaskulinisierung männlicher Vornamen. So sieht Damaris Nübling auch eine „Angleichung der Geschlechterrollen“ am Werk, wenn Jungennamen wie Noah, Jona, Elia, Mika und Luca zunehmen. „Auslaute auf a waren bisher Mädchen vorbehalten“, sagt Nübling. Und sie konnten dadurch auch aus männlichen Vornamen gewonnen werden: Martin-a, Manuel-a und Michael-a. Jungennamen hingegen endeten lange Zeit auf kurze, sogenannte Schwa-Laute wie bei Peter, Uwe, Günther, Dieter sowie auf Konsonanten wie n, s, d, r. Bei immer weniger Jungen findet sich dieses Lautinventar, woran möglicherweise auch ausländische Namensformen mitwirken. Für Eltern mit Kontakt zum romanischen Sprachraum sind Andrea, Nicola, Simone und Gabriele nicht notwendig Mädchennamen. Und aus Kurz- und Koseformen sind im Laufe der Zeit auch immer mehr geschlechtsneutrale Namen wie Toni, Wanja und Kim entstanden und bieten weitere Möglichkeiten, um Jungs mit kurzen weichen Namen zu versehen. Als Folge weichen viele Eltern von Töchtern auf eindeutige Mädchennamen aus. „Und Unisexnamen werden den Jungen überlassen“, sagt Nübling.

Die Bedeutung spielt kaum eine Rolle

Ob sich die Eltern dessen bewusst sind, ist eine andere Frage. Wichtigstes Motiv bei der Namensvergabe ist mit weitem Abstand der Klang. In Erhebungen der Gesellschaft für die deutsche Sprache legten bis zu neunzig Prozent der befragten Eltern darauf Wert. Sie finden es zudem besonders wichtig, dass der Vorname zum Nachnamen passt (fünfzig Prozent), dass keine Nachteile für das Kind entstehen (vierzig Prozent), dass er zu jedem Alter passt (dreißig Prozent), der Verwandtschaft gefällt (fünfzehn Prozent) und eine bestimmte Länge aufweist (fünfundzwanzig Prozent). Die Bedeutung eines Namens war den meisten Eltern hingegen ziemlich egal.

Das erklärt, warum viele Eltern ihren Kindern Namen mit ungewöhnlichen Bedeutungen verpassen. Lea beispielsweise könnte als der Name einer Figur aus dem Alten Testament von hebräisch „la’ah“ stammen und damit „sich vergeblich abmühen“ oder auch „Wildkuh“ bedeuten. Namensträgerinnen sympathisieren natürlich eher mit der assyrischen Bedeutung (Herrscherin, Herrin) oder der lateinischen „Löwin“.

Kevins und Chantals haben es nicht leicht

In anderen Kulturräumen wird Bedeutungen deutlich mehr Beachtung geschenkt. Türken beispielsweise verbinden die Namensvergabe gleich mit Wünschen für das Kind. Yilmaz möge furchtlos sein, Erol ein Mann werden, Erdinic gar ein kräftiger Mann – allesamt Charaktereigenschaften, die Stärke, Macht und Tapferkeit symbolisieren sollen. Mädchen hingegen sollen Zärtlichkeit, Feinheit und Schönheit verkörpern, Aygül etwa blühen wie eine Mondrose, Inci aussehen wie eine Perle. Trotz dieser phantasievollen Herzlichkeit erwägen deutsche Eltern eher selten, ihrem Kind einen türkischen Vornamen zu geben. Dabei wird das Nameninventar immer internationaler: Italienische, französische und skandinavische Namen werden ohne Hemmungen vergeben, manche Herkunftsregionen bleiben jedoch außen vor. Neben türkischen sind in Deutschland auch englische Namen unbeliebt, was angesichts der kulturellen Nähe und des Prestiges des Englischen überrascht. Meistens darf man hinter dem Ausschluss bestimmter Namen ja die Angst vor Stigmatisierungen vermuten. Das mag vorurteilsbeladen und ungerecht sein, ist aber eine logische Folge der gesellschaftlichen Umgebung, in der Menschen aus Namen nun einmal Erwartungen und Informationen ableiten. Namen sind stets aufgeladen mit Konnotationen, auch negativen. Wer Kevin oder Chantal heißt, der erlebt vielleicht selbst, was das bedeutet.

Weitere Themen

Topmeldungen

Vor UN-Klimagipfel : Jetzt muss endlich gehandelt werden

Angela Merkel und ihre Regierung reisen mit einem Plan nach New York, mit dem sie nicht als Vorkämpfer fürs Klima zurückkehren werden. Nur guten Willen zeigen – das genügt nicht mehr. Die neuen Klimaberichte sind alarmierend.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.