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Namensgebung : Zwischen Tradition und Lallform

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Die Namen, die sich ständig häuten

Auch Simone war einmal ein Modename, aber das ist lange her. Simone, Petra und Julia stehen zusammen mit Andreas, Michael und Thomas für die Generation der heutigen Eltern. Diese sind in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren geboren, und ihre Namen sind längst in der Rückgangsphase angekommen, wie Namensforscher sagen. Modenamen werden demnach in vier Phasen mit typischer Abfolge unterteilt: Auf einen neuen Trendnamen (Innovation) folgt ein rapider Anstieg (Diffusion), der schließlich in die Phase der größten Verbreitung (Adaption) mündet. Wenig später setzt dann die letzte Phase ein, der Niedergang. Und das hat wahrscheinlich einen einfachen Grund: „Eltern geben die Namen der eigenen Generation nicht weiter“, sagt Knud Bielefeld.

Manche Namen durchbrechen dieses Muster, indem sie sich ständig häuten. Namensforscher sprechen von Clustern, die sich aus einem Leitnamen entwickeln. So wurde aus Christel, die noch 1945 populär war, in den folgenden Jahren Christa. Aus Christa (1950) wurde wiederum Christine (1960), dann Kerstin und Kirsten (1970), Christina (1980) und Kristin (1985). Eine ähnliche Karriere legte Markus hin, wie Marc, Marco, Marcel von 1970 bis 1992 belegen. Das ungefähre Geburtsjahr eines Mitbürgers zu erraten ist für Namensforscher deshalb keine große Herausforderung.

Auf den Wohlklang kommt es an

Was die Namen heute auf jeden Fall auszeichnet: Sie sind kürzer und wohlklingender als früher. „Seit den Siebzigern nimmt die Sonorität der Namen von Jungen und Mädchen zu“, sagt Damaris Nübling von der Universität Mainz. Sie bestehen häufiger aus Vokalen und weichen Konsonanten, im Gegenzug nehmen harte Konsonanten wie p, t, k, s und f rapide ab. Harte Namen wie Christa, Brigitte, Dieter, Horst und Thorsten werden heute so gut wie gar nicht mehr vergeben. Und wer so heißt, benennt sich zuweilen um, wie der Moderator Dieter Moor, der heute lieber Max heißt. Aus dem einst typisch adeligen Vornamen Horst ist sogar ein Schimpfwort geworden – mit einem eigenem Komparativ, dem Vollhorst.

Nein, Vornamen müssen heute weich und samtig sein. Sie werden aus Vokalen und den sogenannten Sonoranten l, m und n gebildet. „Maximale Sonorität ballt sich auf minimalen Wortkörpern“, sagt Damaris Nübling dazu. Es sei das neue Ideal der Vornamengebung. Beste Beispiele sind Lea, Lena, Leonie, Lara, Laura, Emilie, Marie, Anna und Hanna. Auch die Jungennamen seien weicher geworden, allerdings durchbreche ein harter Konsonant den Wohlklang, erklärt die Mainzer Sprachhistorikerin. Ein bisschen Abgrenzung muss schon noch sein: Lukas, Niklas, Luis, Finn und Tim wissen, wovon sie spricht.

Informell, infantil, individuell

Woher dieser Trend zu weicheren Namen kommt, ist nicht richtig erforscht. Der Zürcher Statistiker Peter Moser vermutet hier eine Regression zur Kindlichkeit. Den Sprösslingen wird heute mehr denn je ihre Kindheit zugestanden, daher werden sie als Kinder benannt und nicht als künftige Erwachsene. Tatsächlich sind Lallformen wie Nina, Lena und Lilli, die jede Einjährige aufsagen kann, besonders beliebt. Aber auch Kurzformen wie Nele (von Cornelia), Mia (von Maria), Ben (von Benjamin oder Benedikt) und Jan (von Johannes) spiegeln den gesellschaftlichen Trend: Namen werden informeller und infantiler. Und überdies individueller, was sich auch in den verschiedenen Schreibweisen zeigt. Für Jannick etwa gibt es acht verschiedene, nämlich auch noch Janick, Janik, Yanick, Yannik, Yannick, Yanik und Yannic. Und wehe, man schreibt ihn einmal falsch.

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