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Müllberge im Meer wachsen : Die Explosion der Plastosphäre

Forschungsleiterin Jenna Jambeck sammelte Plastikproben an der Küste von Caleta de Famara auf den Kanaren. Bild: dpa

Neue Zahlen über die globale Vermüllung der Küsten: Acht Millionen Tonnen an Kunststoffabfällen landen jährlich in den Meeren. Doch es bleibt ein Rätsel: Wo endet der ganze Plastikschutt?

          An manchen Stellen, im Pazifik zum Beispiel zwischen Hawaii und der kalifornischen Küste, kann man auf dem Plastikmüll fast stehen. Charles Moore, ein amerikanischer Ozeanograph, von dem diese Beobachtung aus dem vergangenen Jahr stammt, hatte Mitte der neunzigerJahre den Pazifischen Müllstrudel vor Hawaii auf einem seiner Segeltörns entdeckt. Seitdem jagt eine Schreckensnachricht die nächste, die Vermüllung der Ozeane ist zum Sinnbild der ökologischen Instinktlosigkeit von Überflussgesellschaften geworden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Schon bald waren mindestens vier oder fünf dieser gewaltigen, viele hundert Kilometer großen und von den Oberflächenströmungen erzeugten Müllstrudel ausgemacht: im Indischen Ozean, im Nord- und Südpazifik ebenso wie im Nord- und Südatlantik. Aus dem Weltraum betrachtet ein kurioses Schauspiel zivilisatorischer Dekadenz, das die Meereströmungen buchstäblich sichtbar macht. Auf der Nordhalbkugel dreht sich der Müllwirbel im Uhrzeigersinn, auf der Südhemisphäre gegen den Uhrzeigersinn. Immer öfter sah es mit jeder neuen Entdeckung aus, als sollte der Planet in seinem Restmüll aus langlebigem Plastik irgendwann ersticken. Zumal klar war: Weltweit wird immer mehr Kunststoffmüll erzeugt und unreguliert in den Weltmeeren entsorgt, Abermilliarden an Plastikflaschen und -tüten kommen jedes Jahr hinzu.

          Plastikverschmutzung an der Küste von Haiti.

          Das Rätseln über die wahren Verhältnisse in den Ozeanen wurde allerdings auch immer größer. Denn was wirklich an den Küsten passierte, war nur grob zu schätzen, wie und wo der Müll hauptsächlich ins Wasser gelangt, war nur grob zu schätzen. Aus den Erhebungen an den Mündungen der großen Flüsse war zumindest zu erahnen, dass ein großer Teil auch über die Ströme in die Meere gelangt. 

          Jetzt hat eine Gruppe amerikanischer Forscher unter der Leitung von Jenna Jambeck von der University of Georgia in Athens in der Zeitschrift „Science“ zum ersten Mal harte Zahlen vorgelegt - gesammelt und ausgewertet aus den Daten und Beobachtungen, die man in 192 Küstenländern der Erde und somit global gesehen praktisch fast lückenlos gesammelt hat. Es ist eine Statistik aus dem Jahr 2010, die genauer als je zuvor abschätzen lässt, wie viel Plastikmüll an den Küsten ins Meer gelangt. Alles in allem sind es demnach zwischen 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen, die beste Schätzung liegt bei knapp acht Millionen Tonnen.

          Das entspricht der globalen Plastikproduktion des Jahres 1961. Und es ist damit ein vergleichsweise kleiner Anteil - gemessen an den rund 270 Millionen Tonnen an Kunststofferzeugnissen, die in dem Jahr gemäß der offiziellen Erhebungen von den betreffenden Ländern produziert worden waren. Aber der Meeresmüll summiert sich, wenn man die Menge jährlich aufsummiert und davon ausgeht, dass sich die Plastikabfälle der natürlichen Zersetzung normalerweise Jahrzehnte lang widersetzen.

          Knapp hundert Millionen Tonnen jährlich fällt in dem erfassten Bereich der Küsten mit seinen zwei Milliarden Bewohnern  - bis zu 50 Kilometer landeinwärts - an. Nur ein geringer Teil wird wiederverwertet, das meiste unkontrolliert entsorgt.  Die Müllberge sind entsprechend gewaltig: 32 Millionen Tonnen insgesamt, so schätzen die Forscher, landen auf wilden Müllhaufen in unmittelbarer Nähe zu den Küsten.

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