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Im Fernsehen: „Der Raketenmann“ : Großartig und finster zugleich

„Der Raketenmann”: Der junge Wernher von Braun (Ludwig Blochberger) experimentiert im Labor Bild: ZDF

An Wernher von Braun scheiden sich bis heute die Geister, je nachdem, ob man in ihm mehr den genialischen Vordenker der Raumfahrt oder den technokratischer Handlanger Hitlers sieht. Nun versucht sich ein neuer Dokumentarfilm am widersprüchlichen Leben des „Raketenmanns“.

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          Anfang kommender Woche werden es genau vierzig Jahre her sein, dass mit Neil Armstrong erstmals ein Mensch einen anderen Himmelskörper betrat. Apollo 11 war die erste von sechs erfolgreichen Mondexpeditionen. An dem Programm waren zeitweise bis zu 400 000 Personen beteiligt. Doch von Armstrong vielleicht abgesehen, dürfte wohl nur einer von ihnen künftigen Generationen in Erinnerung bleiben: der Mann, der die Mondraketen gebaut hatte, Wernher Freiherr von Braun.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute Abend widmet das ZDF dem 1977 verstorbenen deutsch-amerikanischen Ingenieur zur besten Sendezeit einen nagelneuen anderthalbstündigen Dokumentarfilm. „Der Raketenmann“ unterscheidet sich deutlich von allem, was über von Braun bisher auf Leinwänden oder Fernsehschirmen zu sehen war - und das war schon eine ganze Menge. Sogar fürs Kino wurde sein Leben schon verfilmt - bereits neun Jahre vor der ersten Mondlandung und mit Curd Jürgens in der Hauptrolle. Einige Jahre nach von Brauns Tod fanden sich die Filmsequenzen der Apollo-Starts immer dann mit Bildmaterial zusammengeschnitten, das allen, die sich für Raumfahrttechnik interessieren, jedes Mal heftige kognitive Dissonanzen beschert: Bilder von tarnfarben gestrichenen V2-Raketen, von zerstörten Häusern in London und Antwerpen - und schließlich von ausgemergelten Leichen in den unterirdischen Produktionsstätten von Mittelbau Dora, dem Sklavenarbeitslager, in dem die V2 schließlich produziert wurden. Denn auch die hatte Wernher von Braun konstruiert, für Adolf Hitler.

          Missbrauchtes Genie oder skrupelloser Opportunist

          Lange Zeit schien es nur zwei Möglichkeiten zu geben, sich der Gestalt von Brauns zu nähern. Man sah ihn, zum einen, als lauteres Genie, das von dunklen Mächten missbraucht wurde, dessen Erfindung dann im Kalten Krieg unvermeidlich der atomaren Aufrüstung dienten, bevor es schließlich im zivilen Raumfahrtprogramm Amerikas seine wahre Bestimmung fand. Oder man sah ihn eben als skrupellosen Opportunisten, dem es zeitlebens egal war, für wen er Raketen baute, solange er sie eben nur bauen durfte, und dem die Leichenberge, welche seine Mittelstreckenraketen im Falle eines Atomkrieges in den fünfziger Jahren angehäuft hätten, so gleichgültig gewesen wären, wie es ihm die ausgemergelten Gestalten in Mittelbau Dora waren.

          „Der Raketenmann”: Werner von Braun (Daniel Rohr) kurz vor dem Start von Apollo 11

          Mit dieser Schwarzweißmalerei konnten die Autoren von „Der Raketenmann“ brechen - und allein das macht ihren Film zu einem atemberaubend spannenden Ereignis. Ihrem Bemühen kam dabei zu Hilfe, dass seit 2006 endlich eine umfassende fachhistorische Biographie von Brauns vorliegt, die glücklicherweise nun auch in deutscher Sprache erschienen ist (F.A.Z. vom 13. Juli). Ihr Autor, Michael Neufeld vom National Air & Space Museum der Smithsonian Institution in Washington, ist ein ausgewiesener Experte für das deutsche Raketenprogramm im Zweiten Weltkrieg. Er hat die Filmemacher Stefan Brauburger und Dirk Kämper beraten und kommt auch selber ausführlich zu Wort.

          Eine faustische Figur

          Nach Neufeld war Wernher von Braun vor allem eine faustische Figur. Er war ein Mann, der schon als kleiner Junge davon geträumt hatte, in den Weltraum zu fliegen, und dem nicht nur Begabung und Charisma in die Wiege gelegt worden waren, sondern dem es die Zeitumstände in einer geradezu unglaublichen Weise auch ermöglichten, seinen Traum wahr werden zu lassen. Dass er dabei mit dem Teufel paktiert hatte, so Neufeld, merkte er zu spät. Mit dieser Vergangenheit anschließend ganz aufrichtig umzugehen: Dazu sah er sich genauso wenig in der Lage wie alle anderen, die nach 1945 noch ihr halbes Leben vor sich hatten. Wenn Wernher von Braun am Ende nicht als Waffenschmied in die Geschichte einging, sondern vor allem als der Mann, der die ersten Menschen auf den Mond schoss, dann war das so erstrebt und zugleich so unverdient wie die Erlösung des Goetheschen Faust.

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