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Zukunftsträume : Wir und der Mond

Muss es der Mond sein, der unsere Träume befeuert? Bild: dpa

Waren wir vor vierzig Jahren wirklich auf dem Mond? Zur gleichen Zeit, als Armstrong und Aldrin im „Meer der Ruhe“ aufsetzten, gab es auf der Erde auch andere, lautere, preiswertere Träume. Synästhetische Erinnerung an eine außerirdische Vergangenheit, die einmal eine Zukunft war.

          Es muss ein gewaltiger Lärm gewesen sein, am frühen Nachmittag des 16. Juli vor vierzig Jahren, als, der Countdown war bei „T minus neun“, die Triebwerke der Saturn V gezündet wurden; und bei „null“ verloren dreitausend Tonnen aus Stahl, Kerosin und flüssigem Sauerstoff die Bodenhaftung, und aus einem großen gelben Feuer stieg, erst langsam, fast schon zeitlupenhaft, dann immer schneller, die Rakete hinauf, ein weißer Riesenpfeil, hundertundzehn Meter hoch, der ganze Stolz Amerikas (und zugleich doch nur das perfekteste Produkt einer Technik, mit welcher schon mehr als tausend Jahre zuvor die Chinesen den Himmel über ihren Festen erleuchtet hatten).

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Noch gewaltiger als der Lärm der Mondrakete muss aber die Stille gewesen sein, knapp fünf Tage später, in jener Mondlandschaft, die man das „Meer der Ruhe“ nennt – es war eine Stille, die man eher sehen als hören konnte, weil, als Neil Armstrong und Edwin Aldrin dann auf dem Mond spazieren gingen, als sie das Sternenbanner in den Mondstaub pflanzten und schließlich, als hätten sich dort oben, wo nur ein Sechstel der irdischen Schwerkraft wirkt, ganze Zentnerlasten von Spannung und Verantwortung aufgelöst im luftleeren Raum, fröhlich wie die Kinder hüpften und sprangen, der knatternde Funkverkehr immer zu hören war: „Neil, hier spricht Houston. Hast du uns verstanden? Ende.“

          Man sah die Stille, als Armstrong sich in Aldrins Helm spiegelte und die beiden einander nichts zurufen konnten, man sah die Stille, als das Sternenbanner sich nicht bewegte im windlosen Raum, man sah die Stille, als überm Horizont des Mondes die blaue, ferne Erdenkugel stand.

          Eine andere Art von Lärm

          Am 24. Juli stürzte, was von dem Riesenraumfahrzeug geblieben war: die kegelförmige Apollo-Kapsel, mit Lärm und Feuer in den Pazifischen Ozean, und als die Astronauten, die aus Furcht vor kosmischen Bakterien erst mal 17 Tage weggesperrt wurden, aus ihrer Quarantäne herauskamen, war es August, und in Woodstock stöpselte Jimi Hendrix seine Stratocaster in den Verstärker und zerriss das Star-Spangled Banner in Tausende von kleinen Fetzen. Er spielte vier Minuten lang, er entfernte sich von der Oberfläche Amerikas viel weiter als die Saturn V in der gleichen Zeit. Und der Lärm war noch gewaltiger.

          Der Lärm war so laut, dass, wenn wir im unendlichen Raum der Erinnerung uns einen Punkt dächten, den die Schallwellen des Jahres 1969 erst heute erreichten, wir Hendrix’ Lärm ganz laut und deutlich hören könnten. Das Donnern der Saturn wäre aber bloß ein fernes Grummeln im Hintergrund, ein Echo aus einer unverstandenen Vergangenheit. Und selbst die Stille sagte uns nicht viel.

          Träume eines jungen Physikers

          Es ist, als wären weit mehr als vierzig Jahre vergangen seit jener Nacht, in der ich, gerade war ich zehn geworden, mir den Wecker auf halb drei stellen und aufstehen durfte mitten in der Nacht. Es war die Nacht, auf die nicht bloß jenes Jahrzehnt hinausgelaufen war, die Sechziger, das damit begonnen hatte, dass Kennedy den Amerikanern das Versprechen gab, auf dem Mond, the next frontier, werde vor dem Jahr 1970 das Sternenbanner wehen. Es war die Nacht, auf die auch meine Kindheit hinausgelaufen war, die letzten drei, vier Jahre jedenfalls, in denen sich mein Dachzimmer in die Kommandozentrale unendlicher Weltraumvisionen verwandelt hatte, voller Perry-Rhodan-Heftchen, populärwissenschaftlicher Bücher über das Weltall und dessen Eroberung; und die Wände waren tapeziert mit Postern, Grafiken, Zeichnungen, mit welchen ich den Weg vom ersten Sputnik bis zur letzten Apollo-Mission und weit darüber hinaus, zu den Sternen, genau erläutern konnte. Nach dem Abitur, das war der Plan, wollte ich Physik studieren, den Photonenantrieb erfinden und das Kommando eines lichtschnellen Raumschiffs gleich selber übernehmen.

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