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Mobilitätsforschung : Die Vorhersagbarkeit menschlicher Bewegungsmuster

Zielgerichtetes Gewusel zwischen Ort A und Ort B: eine Arbeiterinnen-Ameise mit einem männlichen Artgenossen (rechts). Bild: Adrian Smith

Bewegen sich Menschen letztlich auch nur wie Ameisen? Der Versuch, kollektive Muster in den Bewegungsströmen von Menschen zu erkennen, ist alt. Nun haben Forscher eine universelle Formel für deren Beschreibung gefunden.

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          Der Frühling ist da. Mensch und Natur können endlich wieder ungezwungener zusammenfinden. Allerlei fliegendes und krabbelndes Getier intensiviert die Bemühungen, menschliche Lebensräume zu erschließen. Ameisenstraßen finden ihren Weg auf Balkone und in Küchen. Und während man deren Getümmel mit nie versiegender Verwunderung verfolgt, nach Bewegungsmustern, Motivationen und Kommunikationswegen der kleinen Kollektivtierchen sucht, freut man sich doch auch ein bisschen, dass man selbst als Mensch so viel individueller unterwegs sein kann. Selbstbestimmt, die eigene Freiheit voll auskostend, durch nichts dazu gezwungen, mit allen anderen das nächste nicht gut verschlossene Zuckergefäß anzusteuern.

          Doch das Umschlagen der stolzen Freude in existenziellen Zweifel liegt nicht fern, wenn man die Gedanken noch etwas weiter schweifen lässt. Denn entspricht unser Blick auf die Ameisenstraße nicht recht genau demjenigen der derzeit oft zitierten Mobilitätsforscher, die anhand anonymisierter Mobilfunkdaten versuchen, unsere menschlichen Bewegungsmuster zu entschlüsseln? Bewegen wir freiheitsliebenden Menschen uns wirklich so anders als unsere weniger intelligenten Kleinsttiernachbarn?

          Der Versuch, menschliche Mobilität anhand einfacher phänomenologischer Gesetze ohne Rückgriff auf individuelle oder lokale Detailinformationen beschreiben zu können, währt tatsächlich schon fast 150 Jahre. Die grundsätzliche Idee dabei: die Zahl von Individuen, die sich von Ort A zu Ort B bewegen, nur auf der Grundlage der Weglänge und allgemeiner Eigenschaften der Orte ableiten zu können. So richtig gut funktionierte das im Detail allerdings noch nicht, die Beschreibungen konnten doch recht kompliziert werden — ein Hinweis auf die menschliche Unvorhersagbarkeit?

          Im Wissenschaftsmagazin Nature haben Forscher diese Hoffnung jetzt enttäuscht, indem sie ein einfaches Gesetz gefunden haben, das menschliche Mobilität an ganz verschiedenen Orten der Welt erfolgreich beschreiben kann. Demnach fehlte bislang ein Element in der theoretischen Beschreibung: die Besuchsfrequenz, mit der Individuen einen bestimmten Ort ansteuern. Die Zahl von Besuchern eines Ortes ergibt sich dann mit eindrucksvoller Einfachheit aus dieser Frequenz und der Distanz der Wohnorte der Besucher. Konkret fällt sie quadratisch mit der Entfernung des Wohnortes und der Besuchsfrequenz — und das weitgehend unabhängig von den konkreten Eigenschaften des Ortes. Man muss nur einmal empirisch dessen Attraktivität bestimmen. Die naheliegende Frage, ob dieses Gesetz auch für Ameisen gilt, lassen die Autoren allerdings bedauerlicherweise offen.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton.

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