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Im ersten Jahr der Pflanzung ist kaum auf eine reiche Ernte zu hoffen. Aber beim Gärtnern muss sich sowieso jeder in Geduld üben. Bild: Illustration Charlotte Wagner

Europas Pflaumenkultur : Rochade im Beet: Her mit den kleinen Mirabellen

Im Garten ersetzt eine junge Mirabelle jetzt die krumm gewachsene Tamariske. Aber woher stammt diese kleinwüchsige, aromatische Pflaume eigentlich?

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          Der Flieder ist hier schon längst wieder verblüht. Im Zweifel hätte sein überaus betörender Duft bei der Bestimmung geholfen, was aber anhand von Blättern und lila Dolden sowieso nicht schwerfiel. Auch die mit Stacheln bewehrte Akazie entwickelt jetzt paarig gefiederte Blätter, ist damit leicht zuzuordnen, doch ein Busch lässt mit der Blüte auf sich warten – und mich noch immer rätseln, um welches Gewächs es sich da in meinem neuen Garten handelt.

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bisher sieht es recht vielversprechend aus, Aussehen ist jedoch nicht alles: Mit ihren zarten, hellrosa blühenden Zweigen besitzt eine Frühlingstamariske (Tamarix parviflora) großen Charme, doch diese hier stand krumm und viel zu dicht. Eines schönen Sonntags habe ich kurzen Prozess gemacht, so gut ich eben die tief reichende Wurzel mit dem Spaten erwischte. Ihr Verschwinden erlaubte eine Rochade im Beet: Die kleine bienenfreundliche Rose rutschte nach links, an ihrer Stelle steht nun eine junge Prunus domestica subsp. syriaca „Mirabelle de Nancy“.

          Geduld ist die Tugend aller Gärtner

          Eine reiche Ernte dürfte im ersten Jahr zu viel verlangt sein, aber ohne Geduld ist man beim Gärtnern ohnehin verloren. Wenn zum Beispiel die Lilien-, Gladiolen- oder Dahlienknollen nebst anderen Wurzelstöcken erst einige Stunden zu wässern sind, bevor man sie artgerecht im Boden versenkt, nur um sie über Nacht komplett zu vergessen, sodass ich als Novizin jetzt hoffen muss, dass sie trotzdem oder gerade deshalb prächtig gedeihen, und sicher bald vergessen habe, wo die Knollen oder Rhizome vergraben wurden – und wie viele es waren. Die Alternative wäre, sich einen Schlachtplan anzulegen, maßstabsgetreu, oder bunte Fähnchen in die Erde zu stecken, wie sie einst für Käsewürfel en vogue waren – ungefähr zur gleichen Zeit wie die Tamariske als Vorgartenzier. Jedes Fleckchen penibel und wetterfest zu beschriften, fand ich allerdings übertrieben. Ich werde mich lieber überraschen lassen. Ähnlich sieht es mit meinen Obststräuchern und der Mirabelle aus, mit der ich mir einen lang gehegten Wunsch erfüllen möchte.

          Für Renekloden oder besser: eine Reine Claude d’Oullins oder de Bavay wäre der Garten zu klein, ihr Schatten irgendwann zu groß, daher schien eine kleinwüchsige, gelbe Pflaume die viel bessere Wahl. Und wenn ein Exemplar Jahrzehnte im rauhen Berliner Klima überleben kann, einem Restaurant dort im Schöneberger Akazienkiez alljährlich genug Steinobst für ein paar Tartes liefernd, dann doch erst recht im milden Rhein-Main-Gebiet? Zur Zeit ihrer Blüte und Fruchtreife schätzt eine Mirabelle weder starken Regen noch Wind; sie übersteht kalte Winter, und jene Bäume, die seit den 1930er Jahren in Spaniens Nordwesten angebaut werden, haben ihren Ursprung im Schwarzwald, wo Mirabellen auch gerne „vergeistert“ werden, doch stammen sie nicht von hier, sondern vermutlich aus dem südlichen Kaukasus wie die ganze Art. Im 15. Jahrhundert soll sie König René I., Herzog von Lothringen und Anjou, von einer Reise mitgebracht haben; Metz und Nancy wurden zu ihren neuen Heimstätten, von dort aus eroberte die Mirabelle Mitteleuropa.

          Erst Lothringen, dann ganz Mitteleuropa

          Die Anfänge der europäischen Pflaumenkultur mit Prunus domestica reichen bis ins Neolithikum zurück und gelten als verworren; römische Gelehrte dokumentierten zum Beispiel noch vielfältige Fruchtimporte aus Syrien und Persien. Echte Wildformen gibt es nicht, deshalb nahmen sich amerikanische Genetiker 405 Prunus-Vertreterinnen vor, darunter zig Varianten von P. domestica, die wahrscheinlich selbst als eine hexaploide Hybride aus P. cerasifera (Kirschpflaume, diploid) und P. spinosa (Schlehe, tetraploid) entstanden ist, mit dem Zutun einer weiteren, bisher ungeklärten Art, und früh gezielt selektiert wurde. Die in China beheimatete P. simonii ist jedenfalls keine nahe Verwandte, wie die Stammbaumanalysen zeigten. Im Fachblatt „Horticulture Research“ präsentierten sie 2019 ihre Untersuchungen zur eurasischen Verwandtschaft und den verschiedenen Einflüssen sowie vier neue Untergruppen für P. domestica: die „Greengages“ mit den Renekloden, Europäische Pflaumen und Zwetschgen, die französischen d'Agen prunes – und die Mirabellen.

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