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Geschichtsphilosophie : Die Rückkehr der Religion

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Das Heitere an dieser Kulturkreistheorie ist eben, dass sie nie an ein wirkliches Ende der Geschichte kommt. So kann es einem heute nach der Lektüre des ersten Bandes erscheinen, als habe die Katastrophenstimmung, die das Buch auslöste, allein der Titel bewirkt, nicht sein Inhalt - unabhängig davon, ob die Einzelheiten von Spenglers Kulturmorphologie nun stimmen oder nicht. Der Ton ist der eines gelassenen Positivisten, der mit dem Geschäft des Pessimismus nichts zu schaffen hat. Die Geschichte geht weiter, sie ist in ihrem Gang aber nur wenig von ihren Akteuren beeinflusst. Es gibt ein Schicksal der Geschichte, dem die Kulturen nicht entgehen können. Und dieses Schicksal ist an ganz allgemeine Kraftzyklen des Lebens gebunden, nämlich an die Endlichkeit lebendiger Kombinationen.

Die Sehnsucht, elementar zu werden

Man muss sich nicht sonderlich verrenken, um in Spenglers Kulturmorphologie Ähnlichkeiten mit dem französischen Vitalismus zu finden, wie ihn erst Henri Bergson entwickelt und Gilles Deleuze dann fortgeschrieben hat. Eine der zentralen Ideen ist darin das Konzept der Erschöpfung. Der Ausdruck, eines der Lieblingswörter von Deleuze, steht für die Tatsache, dass sich Lebensformen in dem Sinn verbrauchen können, dass sie sich aus sich selbst heraus nicht mehr so erneuern können, um angemessen auf veränderte Umweltbedingungen zu reagieren. Oder dass sie einfach keine Lust mehr haben, weiter zu existieren.

Solchen Lebensformen ist die Lebenskraft oder (mit einem Ausdruck Nietzsches) „der Wille zur Macht“ abhandengekommen. Eine Bewegungstendenz zur Ruhe, die man auch bei vielen Figuren im Werk von Houellebecq finden kann und die sich positiv als eine Bewegung weg von den Menschen hin zu den Elementen beschreiben lässt. Kurz gesagt: der Wunsch, nicht mehr Mensch zu sein, sondern elementar zu werden, wie ihn Houellebecq in seinen menschenleeren Fotos vom Vulkangestein Lanzarotes zum Ausdruck bringt. Auf Gesellschaften und Kulturen kann man ähnliche Bilder in Spenglers erstem Band zum Untergang des Abendlandes finden, der nicht umsonst den schönen Titel „Gestalt und Wirklichkeit“ trägt.

Adorno als Spenglers Interpret

Im zweiten Band, in dem es um die „welthistorischen Perspektiven“ seiner vergleichenden Kulturmorphologie geht, ist allerdings Schluss mit dieser zyklischen Ruhe um die immergleichen Bewegungen. Spengler entwickelt darin unter dem Begriff des „Cäsarismus“ seine Thesen zu einer der Massendemokratie eigenen Tendenz zur Diktatur. Thesen, die sich dann mit dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus schneller bewahrheiteten, als man Spengler lesen konnte.

Was aber, wie Theodor W. Adorno später schrieb, auch damit zu tun hatte, das „Spengler kaum einen Gegner gefunden hat, der sich ihm gewachsen gezeigt hätte“. Adorno schrieb seinen Essay „Spengler nach dem Untergang“ 1950 zu Spenglers 70. Geburtstag. Nach der Katastrophe der Naziherrschaft verfasst, liest sich Adornos Text heute wie ein doppelter Wegweiser. Zum einen verweist er auf die Passagen Spenglers, deren Aktualität ungebrochen ist, zum anderen deutet er voraus auf jene Aspekte von Houellebecqs Werk, die man direkt mit Spenglers Thesen in Beziehung setzen kann.

Das sind vor allem Spenglers Anmerkungen zur Kunst und zur „Zweiten Religiosität“. Es gibt für Spengler eine innere Beziehung zwischen Geist und Geld, die sich extrem verändert, wenn Menschen vom Stadium der Kultur in das der Zivilisation übergehen. Wir Heutigen leben nach Spengler im Stadium der Zivilisation. Während die Kulturmenschen Geld nur benutzten, um damit Handel zu treiben, denken die Menschen der Zivilisation ausschließlich in Geld. Hier zielt alles auf die anorganische Größe der abstrakten Zahl. Mit Marx gesprochen, wird das Geld das allgemeine Äquivalent, das auch nur noch auf sich selbst bezogen werden kann. Deshalb ist die Periode der Zivilisation auch durch Finanzmagnaten, Börsenspekulationen, florierenden Kunsthandel und Korruption gekennzeichnet.

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