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Mischwesen aus der Retorte : Der Mensch im Schwein

„Nicht zu menschlich“: Die biologische Vermischung von Mensch und Schwein ist eine Gratwanderung. Bild: dpa

Menschliche Stammzellen im Schweineembryo: Was kalifornische Forscher nun erstmalig geschafft haben, ist nicht nur ethisch fragwürdig. Ein Kommentar.

          2 Min.

          Kann man in Schweinen menschliche Ersatzorgane züchten? Und vor allem: Will man das? Sollten wir dafür biologisch Mensch und Schwein vermischen? Vielleicht ist es ja der richtige Moment in der amerikanischen Geschichte, dass es ausgerechnet jetzt in einem kalifornischen Labor gelungen ist, menschliches Erbgut in Schweinen zu vermehren, Stammzellen des Menschen vier Wochen lang in Schweineembryonen heranwachsen zu lassen. Es sind die ersten (nie geborenen) Schweine-Mensch-Schimären der Geschichte, ein „Meilenstein“ heißt es vom Salk Institute, aber nein, kein Meilenstein der Medizingeschichte. Alles andere als das, es ist nicht mehr als ein Durchbruch für die Experimentatoren.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Seit langem werden in Petrischalen menschliche Stammzellen in frühe Embryonen von Mäusen, Ratten, Kühen oder eben auch Schweinen eingepflanzt.  Das Ziel: Die Stammzellen mit dem Erbgut des Menschen sollen Teil des fremden Organismus werden, das Entwicklungsprogramm von der unreifen Zelle bis zum reifen, gewünschten Organ durchlaufen und so in dieser artfremden Umgebung zum fertigen, in ferner Zukunft auch transplantierbaren Organ werden. Wann und wo die Stammzellen eingebaut werden, entscheidet darüber, in welchen Geweben und Organen die menschlichen Zellen aktiv werden. Das Tier, die Schimäre, ist also nur der „Bioreaktor“. Schweine haben da offensichtlich zwei Vorteile. Sie sind Haustiere, der Mensch verfügt also auch über die nötige Schlachtroutine. Vor allem aber: Viele Schweineorgane besitzen am Ende etwa die gleiche Größe wie menschliche Organe.

          Vier Wochen alter Schweineembryo, in den menschliche Stammzellen eingepflanzt wurden.
          Vier Wochen alter Schweineembryo, in den menschliche Stammzellen eingepflanzt wurden. : Bild: AP

          „Medizinische Schweinefarmen“ also für die Zucht von Ersatznieren, -lebern und –herzen? Für eine Gruppe von Wissenschaftlern weltweit, keineswegs nur in Kalifornien, eine realistische Option. Nicht zuletzt deswegen auch haben die kalifornischen Wissenschaftler um Izpisua Belmonte nicht aufgegeben zu experimentieren, obwohl sie und andere Forschergruppen sich Jahre lang die Zähne an den Schweineembryonen ausgebissen hatten. Zunächst testeten die Kalifornier ihr Verfahren, indem sie Ratten und Mäuse vermischten. Die Stammzellen des Menschen sind in der artfremden Umgebung so leicht gar nicht in den Körperbauplan zu integrieren. Als es den Kaliforniern schließlich gelang, sogar embryonale Herzen des Menschen in erstaunlicher Vollständigkeit zu erzeugen, mussten sie nur sicherstellen, dass die Schimären nicht geboren werden. Denn noch sind solche genetischen Hybride weder zugelassen, noch weiß man, ob sie überhaupt lebensfähig sind. Was die Wissenschaftler offenbar auch beschäftigte, das räumen sie zumindest in ihrer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Cell“ ein, ist: Was passiert, wenn sich die menschlichen Stammzellen im Schwein nicht nur an Niere oder Bauchspeicheldrüse, sondern am Aufbau des Gehirns beteiligen? Wenn die Schweine, wie sie schreiben, „zu menschlich“ werden? Ausschließen lässt sich das vorerst nicht hundertprozentig. Belmonte und seine Gruppe haben allerdings erreicht, dass sich die menschlichen Stammzellen nicht zu Vorläufer-Gehirnzellen und damit auch nicht zu reifen Nervenzellen umwandelten.

          Vier Jahre lang haben die kalifornischen Stammzellforscher mit Schweineembryonen experimentiert, vierzig Schweinefarmer waren angeblich beteiligt, und am Ende wurden 1500 Embryonen in der Petrischale manipuliert. „Es ist ein erster Schritt“, ließ Belmonte hinterher wissen, wohl wissend auch, dass die ethische und rechtliche Diskussion um die Erzeugung von Mensch-Tier-Schimären (auch zu medizinischen Zwecken) selbst in den liberalsten Ländern bisher fast nie zu ihren Gunsten verlaufen war.

          Die embryonalen Organe, die man so zu „ernten“ vermochte, sollen jetzt getestet und ihre genetische Zusammensetzung genauer ermittelt werden. Am Ende soll die Grundlage gelegt sein, dass solche Schimärenorgane beispielsweise für Arzneimittel- und Toxizitätstests genutzt werden können. Ob jemals menschliche Ersatzorgane auf diese Weise den Weg in menschliche Körper finden werden, steht derzeit selbst für die kalifornischen Humaningenieure außer Frage. In Hunderten anderen Labors werden derzeit nämlich alternative Organ- und Gewebezuchtmethoden ausprobiert, denen deutlich größere Realisierungschancen eingeräumt werden: von der mit Stammzellen gefüllten „Organkapsel“ als Bioreaktor bis zum „Brutreaktor“ im Labor und dem 3D-Druck von maßgeschneiderten menschlichen Gewebevorläuferzellen.

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