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Interview zu Heim-Schnelltests : „Mein Dreieinhalbjähriger macht die Tests selber“

Viele Antigen-Tests sehen aus wie Schwangerschaftstests und funktionieren auch sehr einfach mit einem Ergebnis in 15 bis 30 Minuten. Bild: dpa

Corona-Politiker reden darüber und zaudern doch: Viele Antigen-Schnelltests haben ihre Brauchbarkeit bewiesen, auch im Selbsttest. Eine unabhängige Expertin am Uniklinikum Heidelberg hat die Probe aufs Exempel gemacht.

          7 Min.

          Selbertesten zu Hause ist in Deutschland bisher nicht erlaubt. Viele akut infektiöse Corona-Infizierte ohne oder mit milden Symptomen könnten so jedoch erkannt werden. Was also spricht gegen die Schnelltests für jedermann? Die Leiterin der Klinischen Tropenmedizin am Uniklinkum Heidelberg, Claudia Denkinger, prüft Corona-Schnelltests unabhängig von Herstellern und unterhält dafür eine eigene Internetseite. Zusammen mit Klinikern der Charité Berlin um Frank Mockenhaupt  hat sie in in einer vorläufigen Studie an 146 Erwachsenen mit Corona-Verdacht getestet, ob das Medizinpersonal für die Antigen-Schnelltests wirklich benötigt wird. Die Probanden bekamen eine schriftliche Anweisung mit Skizzen an die Hand und einen speziellen Abstrichtupfer, mit dem man leicht hinten in der Nasenwand und nicht etwa schmerzhaft tief im Rachenraum eine Probe nehmen kann. Ergebnis: Von den 146 Verdachtsfällen erwiesen sich 40 im klassischen PCR-Test als wirklich infiziert. Von diesen 40 wurden mit dem Antigentest, der von Medizinpersonal angewendet wurde, 34 als positiv erkannt. Bei den Selbsttests wurden 33 erkannt. Noch deutlicher war  es, wenn man nur die akut ansteckenden Patienten mit einer hohen Viruslast berücksichtigte: Sowohl Profis wie die Laien im Selbsttest ermittelten 28 von 29 Infizierte. Vier von fünf der Selbsttester stuften die Tests auch ohne Hilfestellung als „leicht zu handhaben“ ein. 

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Frau Dr. Denkinger, hat es Sie überrascht, dass der Antigen-Schnelltest in den Händen von medizinisch vollkommen unerfahrener Menschen praktisch genauso gut funktioniert wie bei der Benutzung durch Medizinpersonal?

          Überhaupt nicht. Mein Sohn ist dreieinhalb Jahre alt und führt die Tests selber durch. Die Tests verzeihen die kleinen Fehler, die man beim Abstrich oder der Durchführung machen kann, und das ist ein gutes Zeichen. Die Studie zeigt, dass diese Tests ein weiterer wichtiger Baustein der Pandemie-Eindämmung vor allem für die Phase nach dem Lockdown sein können.

          Wo ist der Einsatz solcher Heimtests aktuell am sinnvollsten?

          Vor allem in der Bereichen, wo die Kontakte nicht verhindert werden können, d.h. zum Beispiel in Firmen, Betrieben, Schulen, da wäre ein regelmäßiges Testen absolut sinnvoll. Das sind einfach die essentiellen Bereiche, wo, wir wieder eine gewisse Normalität unbedingt brauchen.

          Gilt das auch für Großveranstaltungen und Theater?

          Wir müssen uns schon klar machen, dass es kein perfekter Schutz ist. Die Risiko-Nutzen-Abwägung muss also weiterhin sein, gerade bei einem starken Infektionsgeschehen wie zur Zeit. Da ist der Nutzen der Tests groß, aber auch das Risiko Übertragung ist groß, wenn die Inzidenz hoch ist. Es gibt Einzelfälle von Personen mit einer hohen Viruslast, die die besten Tests nicht erwischen. Wenn die Inzidenz weiter runter geht, kann man sich sehr wohl überlegen, diese Tests über die absolut relevanten Bereiche hinaus zu erweitern. Bei einer Großveranstaltung wäre bei hoher Inzidenz aber das Risiko zu groß, dass man infektiöse Personen verpasst und ein Superspreading auslöst. Zu bedenken ist auch, dass die Antigentests dort ihren größten Wert haben, wo man sie mit den üblichen Maßnahmen Abstand, Hygiene, Atemschutzmaske und Lüftung kombiniert, um den Schutz vor einer Ansteckung zu optimieren. Auf die AHA-Regeln kann man jedenfalls nicht verzichten, die Tests bringen da keine absolute Sicherheit, sondern nur einiges mehr an Sicherheit.

          Dr. Claudia Denkinger hat schon viele Schnelltests für den Public-Health-Einsatz weltweit validiert.
          Dr. Claudia Denkinger hat schon viele Schnelltests für den Public-Health-Einsatz weltweit validiert. : Bild: Tamara von Rechenberg

          Wie ist das mit Familienbesuchen?

          Wenn man also einen Familienbesuch plant, wäre die Vorquarantäne vor der Anwendung des Tests nach wie vor wichtig, um den Schutz bei engen Kontakten zusätzlich zu erhöhen.

          Kann man mit den Schnelltests, wenn sie als Massentests angewendet werden, die Fallzahlen insgesamt drücken?

          Aller Wahrscheinlichkeit nach, jedenfalls, wenn sich die Menschen daran halten, dass sie sich sofort selbst isolieren, sobald sie positiv getestet sind.

          Was aber, wenn der Test positiv ist, der Nutzer aber nicht wirklich infiziert ist? Von Fachleuten hört man immer, jeder positive Test sollte mit PCR-Test geprüft werden. Andererseits leidet das Vertrauen in die Schnelltests, wenn die Leute wegen falsch-positiver Befunde dem Ergebnis nicht glauben können.

          Es gibt sehr wenige falsch positive Befunde bei infektiösen Personen. Wir haben in Heidelberg mehr als 27.000 asymptomatisch Infizierte getestet und gezeigt, dass die Fehlerrate gering ist. Was wir aber mit den Antigentests sicher messen können, ist eben nicht, ob jemand infiziert ist, sondern ob jemand aktuell hoch-infektiös ist. Idealerweise würde man den mit dem PCR-Test bestätigen, aber das geht natürlich nicht immer und dauert wie gesagt. Entscheidender ist deshalb, dass alle mit einem positiven Testergebnis sich vorsorglich sofort selbst isolieren. Das hätte einen Rieseneffekt auf die Entwicklung der Pandemie, wenn die Tests breit und richtig genutzt würden. Die Erkennung der Infektion und Isolierung so früh, kann Übertragungen verhindern. Stellen Sie sich den Arbeitnehmer mit milden Symptomen (z.B. Schnupfen) oder einem Risiko-Kontakt vor, der keinen PCR -Testtermin bekommt, aber unbedingt zur Arbeit muss oder möchte. Den größten Teil diese Infizierten können wir sehr gut mit den Antigentests gut herausfischen.

          Ein großer Teil der Infektiösen spürt aber gar keine Symptome.

          Man sollte sich für die essentiellen Bereiche auch ein regelmäßiges Testen ohne Symptome überlegen. Wir wissen von Studien, dass die Viruslast in asymptomatischen Personen ähnlich ist, wie in symptomatischen, das heißt die Tests werden zum gleichen Zeitpunkt der Infektion gleich gut funktionieren, egal ob Symptome da sind oder nicht. Allerdings haben wir bei asymptomatischen Personen keinen Bezugspunkt für die Testung wie zum Beispiel Symptombeginn, deshalb ist ein häufiges Testen wichtig, idealerweise jeden Tag, aber mindestens zwei Mal die Woche. Dadurch könnten Übertragungen von Personen ohne Symptome oder bevor sie Symptome entwickeln, verhindert werden. Dies macht etwa geschätzt 50 Prozent der Übertragungen aus und ist deshalb hochrelevant.

          Gleichzeitig könnten sich aber auch solche mit einem negativen Testergebnis zu sicher fühlen und die anderen Schutzmaßnahmen weglassen, oder?

          Darüber muss man die Menschen unbedingt aufklären. Nicht jeder negative Test heißt auch, dass man sich nicht angesteckt hat. Die Hygienemaßnahmen bleiben weiter absolut relevant. Wir haben das bei der Aufklärungskampagne für HIV-Selbsttests erlebt, dass die Leute in der großen Masse dann auch auf ein Hochrisikoverhalten verzichten.

          Funktionieren die Antigentests auch bei den neuen mutmaßlich ansteckenderen Sars-CoV-2-Varianten, die sich zur Zeit in vielen Ländern ausbreiten?

          Die Antigentests erfassen Proteine des Nukleocapsids. Die Mutationen, die man bisher gefunden hat, scheinen sich auf das Spike-Protein zu konzentrieren, und weniger im Nukleocapsid. Die Mutationen im Nukleocapsid konzentrieren sich zudem auf eine Seite des Proteins, die für die Antigentests nicht so relevant ist. Aber natürlich müssen die Tests auch auf die Virusveränderungen hin validiert werden. Bei den beiden in Deutschland meistgenutzten zuverlässigen Antigentests gibt es in der Hinsicht bisher kein Problem. Die Schnelltests könnten sogar helfen, die Ausbreitung der Mutanten möglichst schnell einzudämmen. Es ist ganz einfach: Testen so breit wie möglich und impfen so schnell wie möglich, das sollte jetzt die Vorgehensweise sein.

          Wie soll das aber gehen: Die rechtlichen Hürden sind immer noch nicht aus dem Weg geräumt? Es gibt inzwischen zwar Ausnahmen für Erzieherinnen in Kitas und für Lehrer in Schulen, Antigentests nach einer Einweisung anzuwenden, aber erstens wird das nicht breit genutzt und zweitens verbietet der Gesetzgeber die Heimanwendung per Medizinprodukteanwendergesetz.

          Ich hoffe, dass sich da politisch jetzt einiges bewegt. Das wäre der nächste, dringend notwendige Schritt. Von den Grünen gibt es ein Papier mit der Forderung nach einer breiten Schnelltestanwendung, und auch in der Fraktionssitzung der Sozialdemokraten hat man sich damit beschäftigt. Wenn es allerdings am Ende dazu führt, dass der Selbsttest vier oder sechs Monate beim Tüv geprüft werden muss, dann können wir das natürlich auch vergessen. Wir benötigen die Selbsttests jetzt.

          In den Vereinigten Staaten ist schon länger ein Heimtest zugelassen. Welche Erfahrungen hat man dort damit?

          Das ist im Prinzip der identische Test, den es auch bei uns zu kaufen gibt, der hier allerdings bisher nur als Point-of-care-Test von medizinischem Personal angewendet werden darf. In Amerika kann der Test auch nur dann zu Hause angewendet werden, wenn die Käufer einen höheren Preis von 25 Dollar bezahlen und das Einverständnis geben, dass die Anwendung videoüberwacht wird. Das kann es natürlich auch nicht sein. Deshalb ist der Absatz dort noch ziemlich gering.

          Wenn man an eine Massennutzung denkt, spielen sicher auch die Preise der Tests künftig eine Rolle. Auf was muss man sich einstellen?

          Die Kosten der Hersteller pro Test belaufen sich auf einen Euro oder weniger. Aktuelle werden die unabhängig geprüften Tests für fünf bis acht Euros vertrieben, aber ich bin sicher, die Preise werden fallen, je mehr guter Tests auf den Markt kommen. In einem Jahr oder früher könnten die Preise bei vielleicht zwei bis drei Euro pro Test liegen. Wenn zu dem Preis heute schon welche im Internet angeboten werden, dann sind das vor allem solche Tests, die qualitativ nicht hochwertig und auch nicht entsprechend ausreichend validiert sind.

          Eigentlich hätte man angesichts des zunehmenden Lockdown-Unbehagens erwarten können, dass das Interesse der Politik an den Schnelltests noch stärker zunimmt. Was hält sie davon ab?

          Ja das ist schon die richtige Wahrnehmung. Das große Problem ist, dass unsere Corona-Antwort stark von der reinen Diagnostik geprägt ist und nicht von Fachleuten aus dem Public-Health-Bereich. Als Diagnostiker sagt man erstmal, dass die Antigen-Tests unzureichend genau arbeiten, weil er nicht jeden Infizierten detektiert. Die Diagnose brauchen wir nur bei denen, die eine klinische Versorgung brauchen. Aber eigentlich wollen wir keine Diagnose, wenn eine gering symptomatischer Person vor uns steht, sondern wir möchten erreichen, dass die Infektionen früh erkannt werden, um die weitere Übertragung zu verhindern. Diese ganz wesentliche Unterscheidung wird ganz selten getroffen. Der Public-Health-Nutzen der Schnelltests ist noch nicht so richtig angekommen in der Gesellschaft und bei den Entscheidungsträgern.

          Geht es also um Konkurrenz der Testsysteme?

          Nein, der PCR-Test kann nie ersetzt werden als diagnostisches Tool, aber er kann komplementiert werden durch die Schnelltests, wenn die breit ausgerollt und zugänglich gemacht werden. Wir können damit entscheidende Lücken schließen und Hochrisikokontakte erfolgreicher verhindern.

          Gibt es Länder, in denen die Schnelltests in diesem Sinne als Massentests eingesetzt werden und ihren Nutzen in der Pandemie-Eindämmung beweisen konnten?

          Bisher ist kein Land diesen Schritt ganz konsequent gegangen, auch weil die Daten zur Möglichkeit die Tests als Selbsttests durchzuführen, erst jetzt mit unserer Studie komplettiert wurden. Wir können von einzelnen Veröffentlichungen extrapolieren, auch aus Erfahrungen mit älteren Epidemien. Zum Beispiel haben wir für die Tuberkulose gezeigt, dass ein Schnelltest in den betroffenen Regionen der nur 50-prozentige Sensitivität hat und dennoch für die Infektionskontrolle in entlegenen Gegenden in Südostasien sehr viel wertvoller sein kann als ein Test, der nur weit entfernt von den Infizierten in Kliniken vorgenommen werden kann.

          Was sagen Sie zu dem einfach Argument, dass immer noch nicht genügend Antigentests auf dem Markt zur Verfügung stehen?

          Davon halte ich gar nichts. Die Hersteller von zuverlässigen Tests haben momentan ausreichende Vorräte, um den Markt zu beliefern. Und im Gegensatz zu den PCR-Tests sind die einzelnen Komponenten auch keine Mangelware, die Produktion kann leicht hochskaliert werden. Wenn also die Nachfrage da ist, kann es am Anfang vielleicht zu Engpässen kommen, aber die Hersteller können auch leicht nachziehen. Diese Tests sind einfach sehr leicht zu produzieren.

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