https://www.faz.net/-gwz-797wl

Medizinanthropologe Nicolas Langlitz im Gespräch : Viele Faktoren bestimmen das Rauscherlebnis

  • Aktualisiert am

Oft berichten Konsumenten von halluzinogenen Drogen von mystischen Erfahrungen. Im Interview spricht der Medizinanthropologe über die Kontroverse der Mystik und des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns.

          4 Min.

          Herr Langlitz, Ihr Buch „Neuropsychedelia: The Revival of Hallucinogen Research since the Decade of the Brain” ist letztes Jahr erschienen. Sie haben ethnographische Feldforschung in neurowissenschaftlichen Laboren in der Schweiz und in Amerika betrieben. Woher kommt Ihr Interesse?

          Psychedelische Bewusstseinszustände werden häufig als mystische Erfahrungen gedeutet. Zugleich hat die Hirnforschung bereits seit dem 19. Jahrhundert religiöses Erleben immer wieder neuropathologisch erklärt. Mich interessiert dieses Spannungsverhältnis zwischen Materialismus und Mystik.

          Spielt die Mystik auch in der Forschung eine Rolle?

          Das kommt sehr auf die Versuchsdesigns an. Einige Arbeiten haben mystisches Erleben unter Halluzinogenen direkt untersucht. Andere Studien betrachten den  Halluzinogenrausch als Modell der Schizophrenie. Aber auch sie verwenden zum Teil Fragebögen, die außer typisch psychotischen auch religiöse Erfahrungen erfassen. Deutsche Psychiater verschafften der Modellpsychose erneut Legitimität, indem sie zeigten, dass es nicht nur nach Einnahme von Psychedelika sondern auch bei Ausbruch einer Schizophrenie zu spirituellen Erfahrungen kommen kann. Diese Verbindung von Wahnsinn und religiösem Erleben lässt sich vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart verfolgen.

          Wie stehen die Wissenschaftler zur Mystik?

          Die meisten Forscher haben die Substanzen schon einmal im Selbstexperiment getestet und nicht wenige haben dabei mystische Erfahrungen am eigenen Leib gemacht. Manche  reduzieren ihre Alleinheitserfahrungen auf Hirnchemie und betrachten sie als illusionär. Andere schließen den Monismus der Mystik – alles ist eins und eins ist alles – mit dem Monismus des Materialismus kurz: als biologischer Organismus gehe ich in einer rein physikalischen Welt und im mich überdauernden Prozess der Evolution auf, die keiner übernatürlichen Kräfte bedürfen. Eine radikal diesseitige Mystik.

          Macht es einen Unterschied, ob ein Nicht-Wissenschaftler oder ein Wissenschaftler diese Substanzen konsumiert?

          Ja, als die Halluzinogenforschung im späten 19. Jahrhundert begann, bemerkte ein Ethnologe, dass amerikanische Ureinwohner in religiösen Zeremonien ganz andere Erfahrungen berichteten als europäischstämmige Probanden in experimentalpsychologischen Laboren. Die pharmakologischen Effekte psychedelischer Drogen werden von „Set“ und „Setting“ überformt, also sowohl von Stimmung, Charakter und persönlichen und kulturellen Erwartungen als auch von der materiellen und soziokulturellen Umgebung, in der die Substanzen eingenommen werden. Insofern macht es einen Unterschied, ob LSD als Partydroge, im Rahmen einer Psychotherapie oder im wissenschaftlichen Selbstexperiment zur Modellierung von Psychosen genommen wird. Ich würde aber nicht soweit gehen wie Timothy Leary, der behauptete, dass Set und Setting 99% der Erfahrung bestimmten.

          Was bedeutet das für die Forschung?

          Heute sind randomisierte placebokontrollierte Studien der Goldstandard in der Pharmakologie. Durch Abzug der unter Placebo erzielten Effekte von jenen der Substanz konstruieren Forscher eine um das psychosoziale Rauschen bereinigte Wirkung, die alleine der Substanz zugeschrieben wird. Zumindest im Fall der Psychedelika spricht jedoch vieles dafür, dass Set und Setting nicht bloß subjektives Erleben und kulturelle Interpretation sondern die psychopharmakologischen Effekte selbst maßgeblich prägen. Ein Horror-Trip unterscheidet sich von einer verzückenden Selbstentgrenzungserfahrung auch neurophysiologisch. Das bleibt in placebokontrollierten Studien unsichtbar.  

          Gibt es Lösungsansätze für dieses Problem?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bleibt vorerst bei Facebook gesperrt: Donald Trump

          Facebook-Sperre : Was Donald Trump die Welt gelehrt hat

          Die Sperrung von Trumps Facebook-Konto ist hilflos und scheinheilig. Es braucht dringend eine unabhängige Kontrolle der Plattformen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.