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Medizin von morgen : Der Mensch als Ersatzteillager

Bild: Carsten Feig

Künstliche Eileiter, Hirn aus dem Labor: Wie weit ist die „Reparaturmedizin“ gekommen? FAZ.NET zeigt, wie der menschliche Körper zum Testfeld der Bioingenieure geworden ist – und wie Alzheimer künftig angegangen wird.

          „Reparaturmedizin“ ist selten das, was kranke Menschen von ihren Ärzten erwarten. Sie kann Leben retten, klar, und dennoch wirkt sie auf viele wie eine seelenlose Medizin. Apparatemedizin halt. In der Werkstatt wird repariert, aber doch wohl nicht im Krankenhaus – und schon gar nicht im Sprechzimmer des Arztes, oder? Der Mensch, eine Maschine – eine historische Ungeheuerlichkeit, die Julien Offray de La Mettrie, selbst Arzt und Philosoph, auf die Spitze getrieben hatte mit seinem Werk „L’Homme machine“ und der schon im achtzehnten Jahrhundert kühnen Behauptung, wonach Mensch und Tier nichts weiter als „aufrecht kriechende Maschinen“ seien.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eine These, die deshalb auch bald wieder ad acta gelegt wurde - oder sollte man besser sagen: auf Wiedervorlage gelegt wurde? Die Heranziehung eines streng mechanistischen Weltbildes jedenfalls hat bald das wissenschaftliche Arbeiten der Medizin radikal beschleunigt. Das Konzept der Kausalität und damit der gezielten Suche von Ursache und Wirkung bis in die molekularen Details hat die “Schulmedizin“ zu einer Werkstattmedizin werden lassen. Über ihren Werkstoren steht ungeschrieben die ingenieurstaugliche Erweiterung der Aristoteles-These: Der Mensch mag mehr als die Summe seiner Teile sein, doch ohne funktionstüchtige Teile ist alles nichts. Gewaltige Prominenz bekommt dieses Konzept jedes Jahr durch die Verleihung der Medizin- und oft genug auch der Chemie-Nobelpreise an die kreativsten Köpfe dieser Werkstattmedizin. Auf der 68. Nobelpreisträger-Tagung in Lindau am Bodensee waren dieses Jahr mehr als drei Dutzend Nobelpreisträger mit sich, mit ihrer Werkstattmedizin und mit sechshundert medizinisch interessierten Jungforschern aus aller Welt beschäftigt.

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          Was diese jungen Menschen in der Medizinforschung und uns alle in der Gesundheitsversorgung der nächsten Jahre erwartet, ist mit einfachen Worten meist nicht mehr zu beschreiben – vor allem nicht mit extrem vereinfachten Begriffen wie Reparaturmedizin. Und selbst der Fachterminus, der sich als Überbegriff in der Ersatzteilmedizin allmählich einbürgert – Regenerative Medizin – vermag nicht einmal anzudeuten, welche umwälzenden Entwicklungen von ihr zu erwarten sind. Regenerative Medizin, das ist nicht nur die Reparatur durch Prothesenkonstrukteure und Bioingenieure, das beinhaltet auch die Selbstreparatur des Kranken. Die Selbstheilung, die angeregt und forciert wird durch das Vorbild Natur. Der entscheidende Baustein ist die Zelle. Seitdem die Biologen und Biomediziner die sogenannten Stammzellen in jedem Teil unseres Körpers als das natürliche Reservoir entdeckt haben, das uns vom Grundsatz her ähnlich wie dem Wurm für eine lange Lebenszeit ermöglicht, Organe und Gewebe wenigstens teilweise und zeitweise zu erneuern, hat der Reparaturmedizin einen ungeheuren Aufschwung erlebt. Ein Fortschritt, der von Teilen der Gesellschaft allerdings auch umso kritischer gesehen wird, je stärker diese Eingriffe in den Körperhaushalt auch die biologische und seelische Integrität der Menschen zu verändern vermögen. Plötzlich wird der Mensch auf zellulärer Ebene zur Verfügungsmasse, er wird zellulär und prinzipiell molekular – und damit genetisch – „programmierbar“. 

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