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Medizin-Nobelpreis 2014 : Warum unsere Welt nicht durchs Raster fällt

Das Gehirn im Raum, der Raum im Hirn. Wo steckt er? Bild: Thomas Stieglitz

Der Medizin-Nobelpreis geht an drei Hirnforscher, die das philosophische Urrätsel gelöst haben, warum wir uns so schnell ein Bild von unserer Umgebung machen können. Wie unser Gehirn allgemein funktioniert, ist damit jedoch noch lange nicht erforscht.

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          Die Frage, warum wir selbst in einem abgedunkelten Raum von A nach B kommen und uns auch in unseren Träumen erstaunlich schnell ein Bild von jeder Umgebung machen können, ist inzwischen leicht zu beantworten. Dafür allerdings ist es im Detail nur schwer zu verstehen. In dieser Hinsicht hat das Positionierungssystem in unserem Gehirn viel Ähnlichkeit mit den technischen Apparaten, den GPS-Geräten, die inzwischen gewissermaßen zum Standardgepäck des mobilen Menschen gehören. Insofern könnte man auch die diesjährige Preisvergabe des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin an die drei Hirnforscher, die das biologische Orientierungssystem im Gehirn dechiffrierten, als Tribut an den wissenschaftlich-technischen Zeitgeist auffassen.

          Ein Tribut an den Zeitgeist?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In Wirklichkeit freilich haben der britische Neuropionier John O‘Keefe vom University College in London und das norwegische Forscherehepaar May-Britt und Edvard Moser vom Kavli-Institut für Kognitionsforschung in Trondheim weder die biologische Vorlage für die GPS-Technik geliefert, noch wurden sie selbst von der satellitengestützten GPS-Technologie inspiriert. Es handelt sich also um zwei unabhängige Lösungen für ein Problem, das man als Urproblem der Philosophie bezeichnen kann. Schon in der Antike - und erst Recht Immanuel Kant in der Mitte des 18. Jahrhunderts - wollten die für die Hirnforschung seinerzeit zuständigen Philosophen wissen, wie der Kopf im Raum und umgekehrt der Raum im Kopf wahrgenommen wird. Alles schien auch damals schon so real: Wenn wir aufwachen, staunen wir oft, wie wir uns buchstäblich schlafwandlerisch durch die virtuellen Räume und Zeiten bewegen.
          Erst nach Jahrhunderten des Rätselns, in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, waren mit dem Aufblühen der physiologischen Hirnforschung die methodischen Voraussetzung dafür entwickelt worden, einzelne Hirnareale gezielt zu untersuchen.

          Man müsste besser sagen: gezielt zu manipulieren. Versuche an Säugetieren waren spätestens von dieser Zeit an Standard in der Kognitionsforschung. Ohne die invasiven Experimente an Rattenhirnen wäre John O‘Keefe sicher nicht schon vor vierzig Jahren auf die so genannten Ortszellen gestoßen. O‘Keefe fand tief im Innern des Gehirns, im Hippocampus – der Gedächtniszentrale aller Säugetiere – diese besonderen „place cells“. Eine ganz bestimmte Nervenzelle in diesem Zell-Netzwerk feuert immer wieder spontan, wenn die Tiere eine bestimmte Stelle im Raum passieren. Andere Zellen sind für andere Punkte im Raum zuständig. Die Ortszellen sind gewissermaßen für ihre jeweiligen Raumkoordinaten kodiert. Betritt man einen anderen Ort, lässt sich dieselbe Nervenzelle allerdings auch umkodieren. Sie kann also mal für die linke untere Ecke im Raum zuständig sein, mal für die Oberseite in einem Halbrund.

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