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Dicke Kinder : Sind Schulen die falschen Missionare?

Frage der Ernährung: Gut 124 Millionen Kinder weltweit sind adipös. Bild: dpa

Öffentliche Kampagnen zur Eindämmung der Fettsucht bei Kindern weiten sich aus, doch eine große britische Studie lässt Zweifel an der Nachhaltigkeit der Aufklärung aufkommen.

          Seit etwa einem Jahr gibt es im Land ein „Bundeszentrum für Ernährung“, und es ist längst nicht das einzige Instrument, das in Berlin geschaffen wurde, um das „emotionale Thema“ gesunde Ernährung mit Blick auf die kommenden Generationen populär zu machen. Der „Tag der Schulverpflegung“ und insbesondere das frisch im Internet gestylte „Nationale Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule“, kurz NQZ, sind allesamt Initiativen aus dem Bundesministerium, die sich als Musterlösung für ein Problem anbieten, das, zumindest global betrachtet, wie eine kulturelle Katastrophe daherkommt: Die Zahl der fehlernährten Kinder steigt weiter rapide, fettleibige Kinder gibt es heute zehnmal so viele wie 1975. Gut 124 Millionen Kinder sind adipös. Dazu kommen 192 Millionen, die als untergewichtig eingestuft sind. Nachzulesen in der Studie eines internationalen Forschungsnetzwerks, das vor wenigen Monaten in der Zeitschrift „Lancet“ erschienen war.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In Deutschland ist die Situation bei weitem nicht so dramatisch, aber immerhin bis etwa 2004 hat auch hier die Zahl der übergewichtigen Kinder in der Einschulphase Jahr für Jahr zugenommen. Seitdem, also noch vor Beginn der Ernährungsinitiativen des Bundes, hat sich die Lage immerhin einigermaßen stabilisiert, in fast allen Bundesländern sinkt die Übergewichtslast bei Einschulungskindern. Problem gelöst? In den Augen der Kinder- und Jugendärzte, aber nicht nur für sie, keineswegs. Die Krankheitslast steigt – auch gewichts- und ernährungsbedingt. Jedes achte bis zwölfte Kind, je nach Bundesland, gilt als zu dick, jedes sechzehnte im Schnitt krankhaft fett. Chronische Leiden nehmen zu. Jedes sechste Kind und jeder vierte Jugendliche haben heute bereits eine chronische Grunderkrankung, sind also mehr als die Hälfte eines Jahres behandlungsbedürftig – sei es durch Asthma, Darmentzündungen, Allergien, Neurodermitis, Epilepsie, Krebs oder Rheuma.

          Lässt sich die Fettsucht-Epidemie eindämmen?

          Die Kuh ist noch nicht vom Eis, die „Verführungen lauern an jeder Ecke“, wurde vom Kongresspräsident auf dem letztjährigen Kinder- und Jugendärztetag laut „Deutsches Ärzteblatt“ geklagt. Mindestens ebenso alarmierend freilich ist für viele Mediziner der auch hierzulande nicht abreißende Anstieg bei der Zahl der dicken Erwachsenen. Fast sechzig Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen sind übergewichtig.

          Sieht man diese Zahlen, lässt sich nachvollziehen, welche Hoffnung der Staat mit seinen Aufklärungs- und Vernetzungskampagnen für mehr Qualität in der Ernährung setzt. Was bislang allerdings fehlt, sind solide Zahlen, was diese Initiativen auf längere Sicht bringen. Lässt sich Übergewicht verhindern, wenn die Aufgeklärten schon früh lernen, auf die Ernährung zu achten? Mit anderen Worten: Wie nachhaltig sind solche Konzepte?

          In Großbritannien, wo sogar ein Viertel der Kinder bei der Einschulung als übergewichtig gelten, hat man eine dieser ambitionierten Ernährungsoffensiven als kontrollierte Studie mit 54 beteiligten Schulen und fast 1400 Kindern angelegt. Die Hälfte der Sechs- bis Siebenjährigen im „Waves“-Projekt von West Midland wurde – teils unter Einbeziehung der Familien – in ein ausgefeiltes Programm zur hochwertigen, gesunden Ernährung aufgenommen: Kochkurse, Informationsblätter, dazu eine halbe Stunde täglich Bewegungsübungen im Klassenkontext und Motivationstraining mit Rollenvorbildern, die die Profis des nahe gelegenen Erstligavereins Aston Villa lieferten. Ergebnis: Schon ein Jahr nach der Intervention, aber erst recht drei Jahre nach Beginn des Projekts war kein nennenswerter Unterschied zwischen den Grundschülern festgestellt. Fazit der Forscher im „British Medical Journal“. Der Aufklärungseffekt verpuffe recht schnell, die ambitionierten Schulprogramme allein jedenfalls dürften die Fettsucht-Epidemie kaum aufhalten.

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