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"Zustand kritisch" (5) : Alternative Heilverfahren versus Schulmedizin

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Eine Krebszelle bei der Teilung Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Onkologie steckt trotz großer Erfolge in einer Vertrauenskrise. Viele Krebspatienten bauen eher auf nicht fundierte als auf bewährte Therapien.

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          Die Onkologie befindet sich in einer paradoxen Situation. Auf der einen Seite steigen die Behandlungschancen, weil die Ursachen von Krebs zunehmend besser verstanden werden und weil immer bessere Therapien entwickelt werden. Trotzdem gibt es eine erhebliche Zahl an Krebspatienten, die ausschließlich der Komplementär- oder Alternativmedizin vertrauen. Diese Kranken wenden sich erst an die konventionelle Medizin, wenn die Chancen auf Heilung verspielt sind, ohne je in einer onkologischen Sprechstunde oder Klinik vorstellig geworden zu sein. Die meisten Patienten verwenden komplementäre Therapien allerdings begleitend zu einer direkt gegen den Tumor gerichteten Chemo- oder Strahlentherapie, vor allem, um Nebenwirkungen abzuschwächen.

          Worin gründet das hohe Vertrauen, das Komplementär- und Alternativmedizin in der Onkologie genießen? Immerhin nutzen dreißig bis achtzig Prozent aller Patienten mit einer Tumorerkrankung irgendwann im Laufe ihrer Erkrankung solche Verfahren, obwohl allen eines gemeinsam ist, was sie auch von der sogenannten Schulmedizin abgrenzt: Ihre Wirksamkeit ist nach wissenschaftlichen Kriterien nicht bewiesen.

          Was wir wissen

          Krebskranke Patienten befinden sich in einer emotional extrem schwierigen Situation. „Warum ich?“ – ist die erste Frage, die sich viele stellen. Sie wächst aus dem Bedürfnis, das Unfassbare in einen Kontext zu stellen, Zusammenhänge zu verstehen und wieder die Kontrolle über das Leben zurückzugewinnen. Wir wissen heute, dass Krebs durch eine Abfolge von einzelnen genetischen Veränderungen entsteht und dass Statistiken und Wahrscheinlichkeiten eine Rolle spielen, die wiederum von bekannten und unbekannten Risikofaktoren beeinflusst werden, die zum Teil auch rein zufällig sind.

          Das erklärt, warum Rauchen beispielsweise das Risiko für Lungenkrebs erhöht, aber nicht jeder Raucher erkrankt. Zufall als Ursache ist aber für den Patienten kaum akzeptabel. Deshalb erfreuen sich Konzepte wie das der Krebspersönlichkeit oder das eines immunologischen Versagens einer hohen Beliebtheit. Sie sind in der Regel mit entsprechenden Handlungsanweisungen verknüpft, die Heilungserfolge versprechen.

          Das öffentliche Bild

          Warum ist es so schwer, die Erfolge der wissenschaftlich begründeten Medizin zu vermitteln? Wirft man einen Blick auf die Bücherregale einer beliebigen großen Buchhandlung in einer deutschen Innenstadt, so findet man mehr Titel aus dem alternativen und esoterischen Bereich als solche, die sich um seriöse medizinische Aufklärung der Patienten bemühen. Im Wettbewerb um Buchranglisten und um Verkaufszahlen tut sich die wissenschaftliche Medizin schwer.

          Es gelingt ihr offen-sichtlich nicht, zu zeigen, dass auch in der modernen Onkologie der individuelle Patient im Mittelpunkt steht und dass das Bemühen der Ärzte neben der Sicherung des Überlebens auch der Vermittlung von Lebensqualität gilt. Noch immer assoziiert die Öffentlichkeit mit Krebs Menschen ohne Haare, Übelkeit und die Aussichtslosigkeit aller therapeutischen Bemühungen. Die aktuellen Erfolge der Onkologie liegen aber gerade im Gewinn von Lebensqualität. Viele Patienten führen nach der Behandlung viele Jahre und Jahrzehnte lang ein nahezu normales Leben. Diese Erfolge werden in der Öffentlichkeit kaum gewürdigt und nur wenig diskutiert.

          Stattdessen wird zunehmend über die Kosten von Krebstherapien gesprochen. Die Hinwendung zu diesem scheinbar einfachen, weil leicht zu beziffernden Thema ist vielleicht der Versuch, den komplexen psychologischen Zusammenhängen einer Krebserkrankung auszuweichen. Allerdings wird die Debatte über die Kosten mit ungleichen Waffen geführt. Für kaum eine komplementäre und für keine alternative Therapie gibt es Daten, die zeigen, welche Lebensverlängerung und welche Lebensqualität mit der jeweiligen Therapie verbunden sind.

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