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Zukunftslabor Lindau : Die Besonderheit des ärztlichen Denkens

Bild: Sibylle Anderl

Das Treffen von 23 Medizin-Nobelpreisträgern und 566 Supertalenten aus 80 Ländern hat gezeigt: Gesundheitsforschung wird von Chemikern und Molekularbiologen dominiert. Kommt der humanwissenschaftliche Blickwinkel zu kurz? Eine philosophische Reflexion.

          Es gibt einen Medizinerwitz, den wohl jeder schon einmal gehört hat: Einem Philosophen, einem Physiker und einem Mediziner wird ein Telefonbuch vorgelegt mit der Aufforderung, es auswendig zu lernen. Der Philosoph fragt: "Warum?" Der Physiker fragt: "Wie wurden diese Daten ermittelt?" Der Mediziner nimmt sich das Buch und fragt: "Bis wann?" Mediziner sind bekanntlich eine Spezies für sich. Der fachspezifische Stereotypenhumor möchte uns weismachen, dass der Mediziner kritiklos Fakten lernt, wo andere Disziplinen die Hintergründe zu verstehen versuchen. Aber ist es, abgesehen von humoristisch legitimierten Überzeichnungen, tatsächlich so, dass Mediziner anders denken als Vertreter anderer Fächer? Gibt es ein spezifisch ärztliches Denken?

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ludwik Fleck, der lange Zeit übersehene und erst neuerlich wiederentdeckte Vordenker der modernen Wissenschaftstheorie, dessen 50. Todestag in diesem Jahr am 5. Juni begangen wurde, hat dieser Frage 1927 einen Aufsatz gewidmet. Fleck selbst war Mediziner und Mikrobiologe mit Forschungsinteresse insbesondere in der Fleckfieberforschung (die nicht nach ihm benannt ist), der Syphilis-Diagnose sowie der Serologie. Als einen entscheidenden Unterschied zwischen ärztlicher und naturwissenschaftlicher Erkenntnis sieht Fleck den Umstand, dass Gegenstand medizinischer Forschung nicht das Normale, sondern eben das Kranke, das von der Norm Abweichende, ist.

          Dies hat zur Folge, dass es der Arzt mit einer Fülle individueller Phänomene zu tun hat und dabei vor der Aufgabe steht, "ein Gesetz für nicht gesetzmäßige Phänomene zu finden": Verschiedene Krankheitsbilder stimmen nie überein und beruhen auf einer solchen Vielzahl verschiedenster medizinischer Beobachtungen, dass eine Einteilung in Krankheitstypen ein außerordentliches Maß an Abstraktion erfordert. Eine solche Abstraktion vom Individuellen wird zumeist durch statistische Methoden erreicht, ist durch diese aber keineswegs eindeutig festgelegt. Laut Fleck kommt hier eine notwendige, "spezifische Intuition" des medizinischen Forschers zum Tragen, die weitergehend bestimmt, wie eine Typeneinteilung vorgenommen wird. Dass sich eine solche Intuition mit der Zeit durchaus ändern kann, wird deutlich, wenn man die historische Entwicklung von Krankheitsbegriffen verfolgt. Aufgrund der Vielfältigkeit der Krankheitsphänomene und der Notwendigkeit ihrer Einpassung in bekannte Krankheitsbilder kommt es zu einer ständigen Anpassung von Krankheitsdefinitionen.

          Sobald man nun aber zu einer Typologie der Krankheitsphänomene gekommen ist, liegt nach Fleck die nächste Schwierigkeit darin, diese Typen wiederum auf zugrundeliegende Elemente (wie Entzündung, Entartung, Atrophie, Hypertrophie) zurückzuführen. Während es beispielsweise in der Physik möglich ist, durch Analyse komplexe Phänomene auf einfache Grundbegriffe wie Kräfte oder Bewegungen zurückzuführen und damit zu verstehen, scheint es in der Medizin besonders schwierig zu sein, ein solches von allen Krankheiten geteiltes System von Grundbegriffen zu finden. Anatomie und Pathophysiologie versuchen zwar, Funktionsmechanismen krankhafter Veränderungen des Körpers aufzudecken, aber immer gibt es laut Fleck auch spezifische Merkmale von Krankheiten, die nicht durch eine solche Analyse vollständig begründet werden können.

          Eine weitere Komplikation tritt dadurch auf, dass die Medizin nicht ausschließlich mit Kausalzusammenhängen arbeitet. Daneben operiert sie mit Begriffen von innerer Veranlagung, äußerem Nährboden oder teleologischen, also zweckorientierten Zusammenhängen. Dies alles führt dazu, dass sich die Medizin von anderen Naturwissenschaften insbesondere durch ein charakteristisches Verhältnis von Theorie und Praxis unterscheidet. Die Anwendung der Theorie in der Krankheitsdiagnostik ist in hohem Maße auf ärztliche Intuition und Erfahrung angewiesen. Ein Arzt kann eine Diagnose nicht algorithmisch herleiten, da es nie möglich ist, die Gesamtheit potentiell relevanter medizinischer Phänomene vollständig und eindeutig zu beschreiben. Mit anderen Worten: Es scheint unwahrscheinlich, dass es einmal eine Software geben könnte, die erfolgreich die diagnostische Tätigkeit eines Arztes zu simulieren vermag. Gleichzeitig muss ein Arzt aufgrund der statistischen Natur allgemeiner theoretischer Aussagen immer darauf gefasst sein, mit Phänomenen konfrontiert zu werden, die im Widerspruch zur medizinischen Theorie stehen. Die medizinische Praxis erfordert ein hohes Maß an Flexibilität in der Anwendung theoretischer Aussagen, zumal sie einem hohen praktischen Erfolgsdruck ausgesetzt ist.

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