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Bezahlte Studien : Das Märchen von der Zuckerverschwörung

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Was ist der Zusammenhang zwischen Zucker und Kreislauf- und Herzerkrankungen? Bild: dpa

Hat die Zuckerindustrie in den sechziger Jahren Wissenschaftlern Geld für zuckerfreundliche Studien gegeben? Oder war alles ganz anders? Mittlerweile widersprechen Wissenschaftshistoriker den industriekritischen Ernährungsaktivisten.

          Es war eine tolle Story, die drei amerikanische Mediziner Ende 2016 im Journal of the American Medical Association (Jama) veröffentlichten. Danach habe die Zuckerindustrie in den 60er Jahren Ernährungswissenschaftler der Harvard-Universität heimlich dafür bezahlt, in einer 1967 im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie den Zusammenhang von hohem Zuckerkonsum und Herzerkrankungen herunterzuspielen und stattdessen Fett als den hauptsächlichen Übeltäter für ernährungsbedingte Erkrankungen anzuklagen.

          Im Zentrum dieser angeblichen „Zuckerverschwörung“ habe der Ernährungswissenschaftler D. Mark Hegsted gestanden. Dieser habe von der industriefinanzierten Sugar Research Foundation Geld dafür erhalten, die Diskussion um den schädlichen Effekt von Zucker auszubremsen und umgekehrt dafür zu sorgen, dass die Öffentlichkeit möglichst nur noch über die Fleisch- und Milchproduzenten herfalle, wenn es um die Ursachen von Kreislauf- und Herzerkrankungen gehe.

          Keine Hinweise auf Finanzierung durch Zuckerindustrie?

          Der Einfluss der 1967-Studie von Hegsted und seinen Kollegen in Harvard war groß – für Jahrzehnte riet die amerikanische Regierung zu fettarmer Ernährung, was viele Konsumenten zu den gängigen „low-fat, high-sugar“-Lebensmitteln greifen ließ. Deren Effekt auf die Körperfülle der meisten Amerikaner ist überall sichtbar – fast 30 Prozent von ihnen gelten mittlerweile als fettleibig. Dabei hatte der britische Ernährungswissenschaftler John Yudkin bereits 1964 in Lancet seine Forschungen über den Einfluss von Zucker auf Herzerkrankungen publiziert. Das konnte die Zuckerindustrie natürlich nicht verhindern und förderte deshalb die Arbeit von Hegsted, der seinerseits die Studie von Yudkin kannte, ihre Belastbarkeit allerdings in Zweifel zog. Ein Hinweis darauf, dass seine eigene Pro-Zuckerstudie von der Zuckerindustrie finanziert wurde, fand sich in Hegsteds Artikel von 1967 allerdings nicht.

          Für die Autoren des Jama-Artikels, darunter der prominente Anti-Tabak-Aktivist Stanton Glantz, ist der Fall klar: Wissenschaftler haben sich von einer mächtigen Industrie kaufen lassen, um für ihre Geldgeber die erwünschten wissenschaftlichen „Fakten“ zu liefern. Ein klarer Fall also einer finsteren Verschwörung bis hinauf in Regierungskreise.

          Aber vielleicht stimmt das alles auch gar nicht. Die New Yorker Medizinhistoriker David Merritt Johns und Gerald M. Oppenheimer begründen in einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe von Science ihre These, dass es diese Zuckerverschwörung nie gegeben habe. Es sei alles ganz anders gewesen und vor allem: Es habe kein wissenschaftliches Fehlverhalten gegeben.

          Dabei bestreiten sie nicht den Einfluss der Zuckerindustrie im damaligen Harvard. Aber sie bestreiten, dass die Finanzierung einer einzelnen Studie den Kurs der Ernährungswissenschaft und der auf ihren Befunden aufbauenden öffentlichen Empfehlungen für gesundes Essen hatte ändern können. Auch sei Hegsted ein unabhängiger Wissenschaftler gewesen, dessen Überzeugungen nicht käuflich gewesen seien. Dass eine fettreiche Ernährung das Herzinfarktrisiko erhöhe, sei in den Vereinigten Staaten der 60er Jahre das herrschende Paradigma gewesen. Es habe sich zu dieser Zeit bereits auf umfangreiche Forschungen stützen können und sei von einer breiten wissenschaftlichen Community geteilt worden.

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          Der Zuckertheorie hingegen hätten nur wenige Kollegen zugestimmt, denn dafür sei die Datengrundlage noch ziemlich dürftig gewesen. Die Zuckerindustrie hatte es also recht leicht gehabt: Yudkin sei kein ernstzunehmender Gegner gewesen und unliebsame Fakten, deren Veröffentlichung die Zuckerlobby hätte unterdrücken können, habe es schlicht nicht gegeben. Natürlich kam es den Zuckerfabrikanten wie gerufen, als Hegsted bereits 1965 bei einer wissenschaftlichen Tagung Zweifel anmeldete an der Belastbarkeit von Yudkins im Jahr zuvor publizierten Daten, welche den Zusammenhang von Zucker und Herzerkrankungen beweisen sollten. Doch habe sich die Zuckerindustrie erst nach Hegsteds Vortrag auf dieser Tagung bei ihm gemeldet und dabei angefragt, ob er Interesse an einer von ihnen finanzierten Studie habe. Hegsted sei also schon vorher von der vermuteten Unschuld des Zuckers überzeugt gewesen, lange bevor Geld geflossen sei. Aber warum verschwieg er in seiner Publikation dann den Geldgeber der Studie? Es sei damals schlicht nicht üblich gewesen, in wissenschaftlichen Publikationen deren Sponsoren offenzulegen, erläutern die Autoren in Jama. Von vorsätzlicher Verheimlichung könne keine Rede sein.

          Die Geschichte der Ernährungswissenschaften in den 60er-Jahren sei vielmehr ein Beispiel für den oft verschlungenen Zickzackkurs wissenschaftlicher Kontroversen. Die Geschichte wissenschaftlicher Diskurse ist in den seltensten Fällen geradlinig und eindeutig. Dass Theorien veralten, so der Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn, beweise nicht, dass sie vorher unwissenschaftlich waren. Und nur in den seltensten Fällen seien die später verworfenen oder überholten Fakten gar das Werk bewusster Täuschung gewesen.

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