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Zangen und andere Hilfsmittel : Eine Geburt ist nichts für grobe Handwerker

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Bild: dpa

Aus dem falschen Ehrgeiz, Kaiserschnitte zu vermeiden, werden Zangengeburten wieder empfohlen – mit fatalen Folgen für die Mütter.

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          Bereits der römische Arzt Galen wies im zweiten Jahrhundert n. Chr. darauf hin, dass schwere Geburten und das Herausziehen des Kindes mit gravierenden Verletzungen des Beckenbodens der Mutter einhergehen. Das gilt noch immer insbesondere für Geburten mittels Saugglocke oder Zange. Zangengeburten hinterlassen die meisten Schäden, schon der Begriff ist Metapher. Es bleiben nicht nur körperliche Traumen zurück, wenn der ohnehin feststeckende kindliche Kopf noch zwischen zwei Zangenblätter gequetscht werden muss, um ihn mit Gewalt herauszuziehen. Als vermutlich um 1600 William Chamberlen, ein bekannter englischer Geburtshelfer, die Geburtszange erfand, galt dies als Fortschritt. Die Erfindung der Zange war ein Segen, da es keine Alternativen gab, sie konnte lebensrettend für Mutter und Kind sein. Chamberlen und seine Söhne hüteten das „Geheimnis“, ein Nachfahre wollte es nur gegen Geld lüften. Den höchsten Preis haben jedoch die Mütter seither bei Einsatz der Zange zahlen müssen. Wegen der großen Verletzungsgefahr ging die Anwendung vor allem innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte deutlich zurück. Seit Ende der fünfziger Jahre gibt es die Saugglocke als Alternative, erfunden in ihrer modernen Form mit dem Vakuumsog von dem Schweden Tage Malmstroem. Die Saugglocke, aber vor allem der immer sicherer werdende Kaiserschnitt bieten Alternativen, die viele Geburtshelfer vor der brachialen Zange zurückschrecken lassen.

          Umso unverständlicher, dass offenbar eine Renaissance dieses Verfahrens eingeläutet werden soll, wovor jetzt Hans-Peter Dietz eindringlich in einer Fachzeitschrift für Geburtshilfe („AOGS“, doi:10.111/aogs.12592) warnt. Als Professor an der Universität Sydney und Urogynäkologe an der Frauenklinik in Penrith erforscht er seit fast zwei Jahrzehnten mit Ultraschall-Bildgebung, wann es am ehesten zu Geburtsschäden am weiblichen Beckenboden kommt. Die Methode für diese Untersuchungen wurde ursprünglich in Heidelberg entwickelt, wo Dietz in den achtziger Jahren Medizin studierte. „Die Zange ist eindeutig der wichtigste Risikofaktor für schwere, irreversible Verletzungen der Beckenboden-Muskulatur“, hält er fest. Dietz kritisiert insbesondere britische Kollegen, Organisationen und Gesundheitsbehörden, die den Gebrauch der Zange kurzsichtig promoten, um den steigenden Kaiserschnittzahlen zu begegnen. Auch australische Geburtshelfer wollten Frauenärzten in der Ausbildung auferlegen, zunächst an der Zange zu üben, bevor sie mit Saugglocke entbinden lernen. Das Vorhaben wurde jedoch gekippt.

          Nur bei einem Bruchteil verwendet

          In Deutschland hingegen zeigt die lückenlose Perinatalerfassung der klinischen Geburten in Bayern, dass die Zange nur mehr bei einem Bruchteil der vaginal-operativen Geburten – damit meint man entweder Zange oder Saugglocke – benutzt wird. Im Jahr 2013, als in Bayern 8,8 Prozent der Entbindungen vaginal-operativ erfolgten, waren darunter nur 3,7 Prozent mit Zange. In der Bundesrepublik ist inzwischen die Rate an Zangengeburten auf etwa 0,5 Prozent abgesunken. Dies wird von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in der einschlägigen Leitlinie auch gestützt. Das sollte man im Auge behalten, wenn die deutsche Geburtshilfe oft wegen der hohen Kaiserschnittraten als zu defensiv und übervorsichtig gescholten wird. Vor allem die Niederlande und England werden gern als bessere Beispiele angeführt, weil hier mehr Hausgeburten und weniger Klinikinterventionen stattfänden. Aber dafür müssen die Schwangeren laut einer Erhebung in europäischen Ländern in den Niederlanden und in England auch deutlich mehr vaginal-operative Geburten hinnehmen. Und in England erlebt dabei sogar die Zange einen regelrechten Aufschwung: Ihre Anwendung ist zwischen 2004 und 2013 von 3,3 auf 6,8 Prozent angestiegen und macht damit mehr als die Hälfte der 12,6 Prozentvaginal-operativen Geburten in England aus.

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