https://www.faz.net/-gwz-81nuq

Zangen und andere Hilfsmittel : Eine Geburt ist nichts für grobe Handwerker

  • -Aktualisiert am

Solche Geburten verlaufen oft traumatischer als ein Kaiserschnitt, es sind oft hochdramatische Situationen, in denen alles ganz schnell gehen muss, weil es dem Kind schlecht geht. Dass man nur zur Vermeidung von Kaiserschnitten jetzt zu Durchhalteparolen für die Schwangeren greift und wieder für ein Instrument eintritt, das sich überlebt hat, liegt für Dietz auch daran, dass man die Folgen einer Geburt für die Mutter noch zu wenig berücksichtigt: „Die Vermeidung von Beckenbodenschäden ist derzeit noch kein Kriterium, an dem sich die Qualität der Geburtshilfe messen lassen muss“, moniert Dietz. Dass dies ratsam wäre, dafür sprechen die Daten zuhauf. Erst vor wenigen Wochen belegte eine Studie aus Norwegen nach Befragung von mehr als 3000 Frauen im Abstand von 15 bis 23 Jahren nach der Geburt ihres ersten Kindes, dass der kaiserschnitt am schonendsten ist. Vaginale Geburten belasten den Beckenboden deutlich mehr, aber am meisten schaden instrumentelle Entbindungen mit Zange oder Saugglocke, auch hier schnitt die Zange am schlechtesten ab („BJOG“, doi: 10.1111/1471-0528.13322). Gefragt wurde, wie oft Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz und ein Vorfall der Beckenorgane, ein Prolaps, die Frauen belasteten. Beim Prolaps handelt es sich um das Absacken oder Vorwölben von Beckenorganen wie Darm oder Blase in die Scheidenwand, manche Frauen haben das Gefühl, sie würden auf einem Ballon sitzen. Oder die Gebärmutter fällt durch die lockere Scheide ganz nach außen, wie es Piper R. Newton in ihrem Buch „And then my uterus fell out“ beschreibt, in dem sie vor allem mit dem Verschweigen dieses häufigen Leidens ins Gericht geht.

Inkontinenz folgt

Eine ebenfalls vor kurzem veröffentlichte schwedische Studie hat das Schicksal von Frauen nach der Geburt eines Kindes zwischen 1985 und 1988 im Rahmen einer nationalen Kohortenstudie verfolgt. Es zeigte sich, dass nahezu die Hälfte der Teilnehmerinnen, 47 Prozent, zwanzig Jahre nach dieser einen Geburt entweder Zeichen von Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz oder Prolaps aufwiesen. Eine Kombination von mehreren Symptomen trat insbesondere nach natürlichen Geburten auf, fast doppelt so oft wie nach Kaiserschnitt und dreimal so häufig wie bei Frauen, die nie schwanger waren („International Urogynecological Journal“, doi: 10.1007/s00192-015-263-3).

Der Muskel, an dem sich diese Schäden manifestieren, ist der Levator ani, der aus mehreren Komponenten besteht, die gemeinsam den Beckenboden formen, eine Muskelplatte, die das Becken nach unten hin abschließt. Diese Platte weist eine V-förmige Öffnung auf, durch die die Harnröhre, die Scheide und der Enddarm das Becken verlassen. Da der Darmausgang, die Scheide und auch die Harnröhre auf die Spannkraft aller Anteile dieses großen Muskels angewiesen sind, wird klar, warum es solche Folgen hat, wenn er bei Geburten leidet, was nicht selten der Fall ist. „In rund einem Drittel der natürlichen Geburten erfolgt eine Überdehnung der Muskelfasern, und bei bis zu einem Viertel stellen wir Avulsionen fest“, erläutert Dietz die Ergebnisse von vielen Ultraschallstudien. Avulsionen sind Abrisse des Muskels von der Innenseite des Schambeins, nicht selten beidseits. Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass unter der Geburt die V-förmige Öffnung, der „Levator-Hiatus“, massiv gedehnt wird, da seine Fläche auf das Zwei- bis Sechsfache zunehmen muss. Avulsionen bleiben fast immer unentdeckt, verborgen unter den darüber liegenden Hautschichten. „Nach Zangengeburten sehen wir sogar Abrisse in einer Größenordnung von 30 bis zu 65 Prozent“, so der Urogynäkologe Dietz.

Traumata des Beckenbodens

Ähnlich verhält es sich mit feinen Einrissen der äußeren Schließmuskulatur am Darmausgang, die auch mit 15 bis 25 Prozent den Sonografie-Befunden zufolge häufiger vorkommen, als sie im Kreissaal diagnostiziert werden. „Es steht die Forderung im Raum, dass auf jeder geburtshilflichen Abteilung gezielt nach Beckenbodentraumata gefahndet werden sollte, nicht nur im Kreissaal, sondern auch Wochen und Monate nach der Geburt. Aber das hieße, sich klar zu den Schäden zu bekennen, die durch ein Instrument wie die Zange hervorgerufen werden, oder auch aus dem falschen Ehrgeiz heraus, möglichst viele Geburten auf natürlichem Wege abzuschließen“, kritisiert der Experte.

Dabei gibt es jetzt schon Risikofaktoren, die zumindest Zweifel wecken, ob es die Schwangere schafft, ihr Kind ohne instrumentelle Hilfe herauszupressen. Dazu zählen Kinder, die über vier Kilogramm schwer sind und deren Kopf gegen Ende der Schwangerschaft noch sehr hoch sitzt, aber auch Frauen, die ihr erstes Kind im Alter von 35 Jahren oder darüber bekommen und deren Beckenboden weniger dehnbar erscheint. Studien, die sich mit der Vermeidung und Früherkennung von Beckenbodenschäden befassen, sind nun an mehr als einem Dutzend von Kliniken im Gange. Dietz arbeitet zu diesem Zweck mit Kollegen aus Australien, Hong Kong, Südafrika, Europa und den Vereinigten Staaten zusammen. Was immer diese Studie an weiteren Risikofaktoren aufdeckt, eines ist für Dietz bereits jetzt klar: Die Geburtszange gehört ins Museum.

Weitere Themen

Rettet Verzicht die Welt? Video-Seite öffnen

Degrowth : Rettet Verzicht die Welt?

Verzicht auf Konsum, Teilen statt Besitzen und Schrumpfen der Industrie - das fordert die Degrowth-Bewegung als Maßnahme gegen den Klimawandel. Kritiker sagen, Degrowth fördere die Arbeitslosigkeit.

Topmeldungen

Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.