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Wundversorgung : Das Comeback der Maden

  • -Aktualisiert am

Fliegenlarven werden häufig bei chronischen Geschwüren genutzt. Vor allem Diabetiker, aber auch Patienten mit Brand- und Operationswunden profitieren. Die Maden reinigen Wunden schneller als andere Mittel, beschleunigen aber nicht die Heilung.

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          Sommerzeit ist Fliegenzeit. Sie und ihre Vorstufen im Larvenstadium, die Maden, gelten den meisten intuitiv als Zeichen mangelnder Hygiene. Aber das Gegenteil ist bisweilen der Fall, zumindest in der Medizin. Die Madentherapie ist inzwischen ein probates Mittel für die Behandlung von offenen Wunden. Es sind keineswegs verstiegene, esoterische Medizinerzirkel, die das propagieren. Maden tummeln sich inzwischen in chromblitzenden, modernen Unikliniken. "Die Anwendung von Maden in der Wundbehandlung ist weder abstrus noch abseitig, sondern zählt eindeutig zum Repertoire der Schulmedizin", stellt Joachim Dissemond von der Hautklinik am Universitätsklinikum in Essen klar. "Wir sind froh, dass wir in schwierig zu behandelnden Fällen darauf zurückgreifen können, etwa wenn Patienten eine Narkose nicht vertragen und deshalb die Wunde nicht operativ gereinigt werden kann." Damit nennt er einen der Gründe für die Wiederkehr einer Behandlung, die eigentlich uralt ist.

          Der Nutzen der Maden wurde in Kriegen deutlich

          Von Australien bis Zentralamerika, von den Aborigines bis zu den Maya werden Maden zur Wundreinigung benutzt. Die ersten europäischen Berichte über ihre heilsame Wirkung stammen aus dem Krieg. Baron Dominique Larrey, der berühmte Militärchirurg Napoleons, beklagte frustriert, dass die Soldaten die Maden nicht auf den Verletzungen beließen. Im amerikanischen Bürgerkrieg bezeugten Ärzte der Konföderierten: "An einem einzigen Tag säubern sie (die Maden) eine Wunde deutlich besser als alle anderen Substanzen, die wir zur Verfügung haben." Zudem stellte man fest, dass die Soldaten der Konföderierten, die weniger Verbandsmaterial als die Unionstruppen zur Verfügung hatten, deren Wunden folglich häufiger offen blieben und den Fliegen eher zugänglich waren, seltener als ihre Gegner an Wundinfektionen litten.

          Allerdings dauerte es nach dieser unfreiwilligen Vergleichsstudie noch Jahrzehnte, bis William Baer, Orthopäde und Chirurg am John Hopkins Hospital in Baltimore, vor achtzig Jahren mit einer berühmten, unlängst im Original nachgedruckten Veröffentlichung, über recht gute Erfolge mit der Madentherapie bei Knochenentzündungen oder Osteomyelitis berichtete und sie populär machte. So populär, dass 1934 mehr als tausend Chirurgen diese Behandlung anwendeten und die Firma Lederle den Vertrieb von Maden kommerzialisierte ("Journal of Bone and Joint Surgery", Bd. 469, S. 920).

          Maden dienen vor allem der Reinigung einer Wunde

          Der Einbruch kam wie so oft durch Konkurrenz, die Antibiotika fegten von 1940 an alle anderen Strategien vom Markt. Erst die Zunahme von Resistenzen und die Misserfolge bei der Behandlung chronischer Wunden leiteten vor rund zwanzig Jahren eine Renaissance ein. In der wissenschaftlichen Literatur findet man inzwischen Hunderte von Publikationen über den Nutzen der Madentherapie, Tendenz steigend. Von der FDA, der amerikanischen Zulassungsbehörde, ist die Madentherapie abgesegnet. Derzeit wenden sie rund tausend Zentren in Europa und dreihundert in den Vereinigten Staaten regelmäßig an.

          Die Madentherapie dient in allererster Linie dem Debridement. Damit bezeichnet man die Reinigung einer Wunde von abgestorbenem Gewebe, Wundsekreten und allen Auflagerungen wie Schorf, inklusive Bakterien, die den Heilungsprozess behindern. Wunddebridement lässt sich auf vielfältige Weise bewerkstelligen, mechanisch durch Abrieb, chirurgisch mit dem Skalpell, chemisch oder proteolytisch mit Hilfe von Enzymen, die Eiweiße auflösen. Bei der Autolyse schließlich reinigt der Körper die Wunde selbst, unterstützt durch Befeuchtung, etwa durch Hydrogel.

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