https://www.faz.net/-gwz-9u8wv

Demenz : Wo bitte geht es zum Alzheimer-Medikament?

  • -Aktualisiert am

Geschrumpftes Gehirn (links) eines Alzheimeropfers, rechts die Hirnhälfte eines gesunden Gleichaltrigen. Bild: Foto Nigel Cairns

Die Suche nach einer Arznei gegen Alzheimer kommt kaum voran. Nach einer Welle von Misserfolgen sollten Alternativthesen endlich zum Zuge kommen, das hat auch eine große Konferenz jüngst gezeigt. Ein Gastkommentar.

          4 Min.

          Trotz aller Forschungsbemühungen weltweit fehlt bis heute eine kausale Therapie der Alzheimer-Krankheit. Dabei mangelt es nicht an exzellenten Daten, die seit der Erstbeschreibung der Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen durch Aloys Alzheimer vor über 100 Jahren gesammelt worden sind. Dennoch ergibt sich bis heute kein eindeutiges Bild über die exakte Ursache der Alzheimer-Krankheit. Und die Fehlschläge der auf Amyloid ausgerichteten Therapieansätze in der Klinik verunsichern weiter. Sicher scheint: Alzheimer ist eine komplexe, altersabhängige Krankheit, und es wird keine einfache Lösung geben. Und: Die gängige Amyloid-Kaskaden-Hypothese bleibt den klinischen Beweis für ihre Richtigkeit noch schuldig.

          Sie stand in der Alzheimer-Forschung in den letzten fast dreißig Jahren im Mittelpunkt. Der klinische Wirkansatz dabei ist: Hemmung der Bildung und Aggregation der Amyloid-Plaques sowie Ablagerung oder Abräumen derselben im Gehirn. Die Enzyme, die das schädliche Amyloid aus seinem Vorläufer (APP) herausschneiden, wurden identifiziert. Es wurden Hemmstoffe entwickelt, die in klinischen Studien jedoch keinen positiven Effekt hatten. Auch erste Amyloid-Impfansätze scheiterten.

          Zur letzten Hoffnung auf Heilung durch Impfung wurde zuletzt der Anti-Amyloid-Antikörper Aducanumab. Die präklinischen Daten sind überwältigend und prominent publiziert, klinische Studien wurden initiiert, im Frühjahr 2019 jedoch – nach einer Zwischenanalyse – von der Firma Biogen abgebrochen (siehe F.A.Z. vom 29.3.2019). Ist die Amyloid-Hypothese also falsch?

          Strenggenommen galt diese von Beginn an nur für die vereinzelt vorkommenden vererbten familiären Fälle: Mutationen in den Genen für APP, PS1 oder PS2 führen zu mehr Amyloid-Ablagerungen und zu Alzheimer in jungen Jahren. Über 95 Prozent der Alzheimer-Fälle treten aber sporadisch auf, abhängig vom Lebensalter. Die Extrapolation von der seltenen genetischen Form auf die vielen altersabhängigen Alzheimer-Fälle ist möglicherweise falsch, auch wenn das pathologische Bild nach dem Tod nicht zu unterscheiden ist.

          Amyloid alleine verursacht nicht Alzheimer, Amyloid kann aber Tau-Veränderungen initiieren, die allerdings auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen gefunden werden – ein Beleg für eine eher generelle neuropathologische Rolle des Tau. Alzheimer also als molekularer Erschöpfungszustand des Proteingleichgewichts im Gehirn?

          Bei niedriger Lebenserwartung hat uns der frühzeitige Tod vor der Demenz geschützt. Mit steigendem Lebensalter müssen wir in Kauf nehmen, dass gerade die begrenzt regenerativen Gewebe wie unser Gehirn zeitlebens gezwungen sind, mit den verschiedensten Alzheimer-Risikofaktoren zurechtzukommen. Hierzu gehören Störungen des Blutdrucks und Fettstoffwechsels, Alkoholkonsum, Medikationen, Entzündungen, Gehirntraumata – alles Faktoren, die neben genetischen Prädispositionen das allgemeine zelluläre Proteingleichgewicht stören. Sammeln sich defekte Proteine in der Zelle an und wird dieser allgemeine Protein-Schrott nicht entsorgt, geht es der Zelle schlecht; Altersflecken etwa sind sichtbare Zeichen einer gestörten Proteinhomöostase. Intakte Protein abbauende Systeme – das Ubiquitin-Proteasom-System etwa und die Autophagie – sind die Garanten für eine Homöostase der Proteine. Lange ist bekannt, dass fehlerhafte Transportprozesse sowie eine Fehlfunktion der Autophagie ein sehr frühes Ereignis bei der Entstehung von Alzheimer ist. Eine dauerhafte Unterstützung dieser Abbauwege wäre also ein Weg, unsere Nervenzellen zu entlasten und sie fit und resistent zu machen. Möglicherweise schützt das auch gegen andere neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson.

          Weitere Themen

          So funktioniert die Organspende Video-Seite öffnen

          Videografik : So funktioniert die Organspende

          Schwerkranke Patienten, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind, müssen darauf oft lange warten. Eine Organtransplantation ist eine heikle Operation. Die Videografik gibt einen Überblick über den Prozess.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.