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Wein-Bilanz 2018 : Wird der Neue ein guter Jahrgang?

Weißer Riesling, im Weinberg vom Institut für Rebenzüchtung der Universtiät Geisenheim Bild: Michael Kretzer

Selten versprach ein Jahrgang so viel wie 2018. Aber Sonne allein reicht nicht für einen guten Wein. Am Ende entscheidet die Qualität der Traube. Zu Besuch beim Institut für Rebenzüchtung der Universität Geisenheim.

          An einem strahlend schönen Tag im September liegt der Rheingau da wie gemalt. Es dauert ein wenig, bis man das Institut für Rebenzüchtung gefunden hat, der Wirtschaftsweg endet in der Sackgasse. Trecker kurven herum, Wannen mit Lesegut kommen herein, prall und makellos nach dieser rekordverdächtigen Saison. Unvermeidliche Frage: Wird’s ein guter Jahrgang? „Ich bin zufrieden“, sagt Joachim Schmid, Professor an der Hochschule Geisenheim, die sich seit ihrer Gründung als Königliche Lehranstalt dem Wein- und Obstbau verschrieben hat. Wir sind gekommen für einen Crashkurs. Und zwar in Ampelographie.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Name des Fachgebietes hat nichts mit Lichtsignalanlagen zu tun. Er leitet sich ab aus der griechischen Mythologie. Dionysos, Gott der Vegetation, des Wahnsinns und der Ekstase, war homoerotischen Seitensprüngen nicht abgeneigt. So hatte er sich verliebt in den gleichaltrigen Ampelos, Sohn einer Nymphe und eines Satyrs. Auf der Jagd stürzt dieser von einem Stier und bricht sich das Genick (anderen Quellen zufolge fiel er koppheister von einer Ulme). Aus seinem Körper wächst die erste Rebe. Der Name Ampelos als Erinnerung an eine schwule Affäre der griechischen Antike steht seither gleichbedeutend für „Weinstock“. Und griechisch „graphein“ heißt beschreiben.

          Geschichten aus der Rebsortenkunde

          Was nicht so einfach ist, wie es klingt. Joachim Schmid zitiert in seiner Einführungsvorlesung eine Zahl, die seinen Hörern einen Eindruck vermitteln soll, womit sie es im Studienfach Ampelographie zu tun bekommen. Rund 20.000 Rebsorten sind weltweit beschrieben. Unter noch mehr Namen. Wer zum Beispiel beim Italiener arglos einen „Pinogriedscho“ bestellt, bekommt ihn anderswo als Auvernat vorgesetzt, als Grauen Mönch in Österreich, in Deutschland als Grauburgunder oder Ruländer, im Elsass als Tokay d’Alsace, in Frankreich als Petit Gris, in Russland als Pyzik, im Wallis als Malvoisier oder in Ungarn als Szürkebarat. Es existieren allein für diese Sorte zwölf Dutzend weitere Synonyme, was darauf hindeutet, dass es sich um eine alte und weitverbreitete Züchtung handelt. Vermutlich ist sie vor langer Zeit als Mutation aus der roten Burgundertraube entstanden, was man ihr äußerlich manchmal noch ansieht; sie liefert einen kräftig gefärbten Weißwein mit hohem Alkoholgehalt.

          Der Wurzelreblaus keine Chance: Ein Geisenheimer Riesling-Klon wächst auf einer resistenten Unterlage, die nach dem Züchter Carl Julius Bernhard Börner benannt wurde.

          Der Legende nach soll Kaiser Karl IV. am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1347 bei einem Besuch am Kaiserstuhl den dort ansässigen Zisterziensern befohlen haben, vorzugsweise diese Sorte anzupflanzen; die grauen Kutten der Mönche hätten dann zur Namensgebung geführt. Die Bezeichnung Ruländer andererseits geht auf den deutschen Kaufmann und Apotheker Johann Seger Ruland zurück, der 1709 in Speyer einen verwilderten Garten erwarb, in dem sich unter anderem Weinstöcke einer ihm unbekannten Rebsorte befanden. Der daraus produzierte Wein war so lieblich, dass Ruland sie vermehrte und für teures Geld an den Mann brachte. In Baden und in der Pfalz, den beiden Hauptanbaugebieten in Deutschland, wurden daraus traditionell wuchtige Weine mit einem nicht unproblematischen Hang zur Edelfäule gekeltert; der Trend geht inzwischen mehr in Richtung eines schlankeren Ausbaus.

          Die Rebsortenkunde wimmelt nur so von solchen Geschichten. Wein ist und bleibt ein unerschöpfliches Thema. Wir stehen vor einer Reihe mit Spätburgunder-Klonen, die stramm in die Höhe wachsen. Unten haben sie Trauben angesetzt, weiter oben kräftiges Blattwerk, jedoch kaum Geiztriebe. „Das spart Arbeitskraft“, sagt Schmid. Das Entblättern entfällt weitgehend, die Traubenzone ist gut durchlüftet und in der Reifephase optimal besonnt, was wiederum die Gefahr eines Befalls mit Botrytis verringert, der beim Blauen Spätburgunder besonders häufig zuschlägt. In der Geisenheimer Sortenliste finden sich außerdem locker- und kleinbeerige Klone, die weniger kompakte Trauben ansetzen als der klassische Typ und gleichfalls nicht so leicht zur Schimmelbildung neigen.

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