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Wirbelsäulenchirurgie : Das Kreuz mit dem Rücken

  • -Aktualisiert am

Beachtliche Fortschritte in der Wirbelsäulenchirurgie Bild: ddp

Die Zahl der chirurgischen Eingriffe wegen unterschiedlicher Beeinträchtigungen des Rückenmarks nimmt zu. Doch die in sie gesetzten Erwartungen können sie immer noch nicht erfüllen. Es fehlen nicht zuletzt Studien, die eine Bewertung von Behandlungsverfahren ermöglichen.

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          Die Wirbelsäulenchirurgie kann die in sie gesetzten Erwartungen offensichtlich noch immer nicht erfüllen. Zwar steigt trotz aller Kritik die Zahl der Operationen sowie der Abteilungen oder Kliniken für Wirbelchirurgie, doch es fehlt vielfach an wissenschaftlichen Belegen dafür, dass die Eingriffe die Leiden der Patienten wirklich nachhaltig lindern. Besonders gilt dies für die degenerative Spinalkanalstenose. Dabei handelt es sich um Einengungen des Spinalkanals, der einer Röhre gleich das Rückenmark vom Hals bis zur Wirbelsäule umhüllt.

          Verengungen, die durch ganz unterschiedliche anatomische Strukturen - etwa Bandscheiben, Wirbelfortsätze, Bänder oder das Wirbelgelenk selbst - ausgelöst werden können, führen zu Veränderungen, die die Funktion des Rückenmarks beeinträchtigen. Am häufigsten ist die Hals- und die Lendenwirbelsäule betroffen. Es kommt zu Störungen der Nervenfunktion, die Hände oder Beine, aber auch die Blasenfunktion betreffen können.

          Nachweis durch Kernspintomographie

          Zum Nachweis von Veränderungen an der Wirbelsäule hat sich die Kernspintomographie bewährt. Doch es besteht kein eindeutiger Zusammenhang zwischen den erkennbaren Veränderungen und den Beschwerden. Das dürfte unter anderem damit zusammenhängen, dass die starken Belastungen, denen die Wirbelsäule ausgesetzt ist, beispielsweise zu Verdickungen von Bändern oder zu Veränderungen an den Knochenstrukturen führen, die man nicht als krankhaft bezeichnen, sondern eher als einen individuellen Anpassungsprozess auffassen sollte.

          Das ganze Ausmaß des Dilemmas, mit dem sich die Neurochirurgen und Orthopäden bei der Behandlung solcher Stenosen konfrontiert sehen, lassen drei Artikel erkennen, die kürzlich im "Deutschen Ärzteblatt" (Bd. 105, S. 365-379) erschienen sind. In einem Leitartikel befasst sich Rolf Kalff von der Klinik für Neurochirurgie der Universität Jena mit der aktuellen Situation, die eher von Wildwuchs als von wissenschaftlich gesichertem Vorgehen bestimmt wird. Kalff stützt sich dabei auf zwei Beiträge seiner Kollegen Frerk Meyer (Oldenburg), Wolfgang Börm (Flensburg) und Claudius Thomé (Heidelberg) zur Therapie cervicaler und lumbaler, also Hals- und Lendenwirbelsäule betreffender, Stenosen. Die Autoren gehören zur Sektion Wirbelsäule der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie.

          Zahl der Eingriffe nimmt zu

          Unstrittig ist, dass - nicht zuletzt von der medizintechnischen Industrie, aber auch von einer hohen Erwartungshaltung der Patienten angetrieben - die Zahl der Eingriffe wegen der unterschiedlichen Beeinträchtigungen des Rückenmarks zunimmt. Hinzu kommt, wie Kalff schreibt, dass die Boulevardpresse suggeriert, vielen Patienten könne durch die rechtzeitige Erkennung und Beseitigung der Stenose geholfen werden. Doch Thomé, Meyer und Börm zeigten, dass therapeutische Entscheidungen sich nicht auf systematische Studien mit überzeugenden Ergebnissen stützen könnten.

          Die klinischen Erfahrungen und das chirurgische Repertoire des Operateurs seien oft die einzigen Entscheidungsgrundlagen. Obwohl das Vorhandensein einer degenerativen Stenose nicht gleichbedeutend mit Nervenschäden sei, werde der Läsion an sich ein "Krankheitswert" beigemessen. Deshalb verwundert es nicht, dass sich die Ergebnisse aller Behandlungsverfahren, ob herkömmlich mit Massagen, Gymnastik und Medikamenten oder chirurgisch, meist nicht unterscheiden. Hinzu kommt, dass es inzwischen eine Vielzahl klassischer oder minimal-invasiver Operationsverfahren gibt, die eine Beurteilung der Leistungsfähigkeit einzelner Maßnahmen erschweren. So ist für Kalff das am wenigsten invasive Verfahren keineswegs immer auch das ideale. In diesem Zusammenhang warnt er auch vor einer Art Stufentherapie mit wiederholten Eingriffen.

          Es fehlen Studien, die eine Bewertung erlauben

          Das Fazit Kalffs ist eindeutig: Es fehlen Studien, die eine Bewertung der einzelnen Behandlungsverfahren erlauben. Solche systematischen Untersuchungen könnten auch nicht von einzelnen Institutionen erbracht werden. Als Vorbild nennt Kalff die "Swedish Lumbar Spine Study Group", die alle spinalen Eingriffe im Land erfasst und auswertet. Das führe dazu, dass keine Operationsmethode ungeprüft breiter angewandt werden kann. Für den deutschsprachigen Raum könnte "Spine Tango", ein Erfassungssystem der europäischen Wirbelsäulengesellschaft, diese Rolle übernehmen. Allerdings sind die Hürden, zuverlässige Erkenntnisse zu gewinnen, hoch, denn die Ergebnisse von Eingriffen an der Wirbelsäule können auch bei richtiger Diagnose und perfekt ausgeführter Operation erheblich schwanken. Mehr Forschung sei daher unerlässlich, wolle man das Vertrauen von Orthopäden und Patienten in die Wirbelsäulenchirurgie nicht untergraben. All zu große Erwartungen sind also derzeit illusionär.

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