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Zu wenige Lebensretter? : „Drücken ist das mindeste, was jeder tun sollte“

Den Rettungsdienst 112 rufen, aber nicht auf ihn warten: Herzdruckmassage kann (fast) jeder. Bild: dpa

Vor fünf Jahren gab es nur ein Land in Europa, in dem weniger Menschen nach Herzstillstand wiederbelebt wurden als in Deutschland. Inzwischen hat sich die Zahl der Laienreanimation verdoppelt. Am Ziel ist man aber noch lange nicht.

          Seitdem der Berufsverband Deutscher Anästhesisten und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin vor fünf Jahren die Kampagne „Ein Leben retten. 100 Pro Reanimation“ gestartet haben, reist Jan-Thorsten Gräsner, Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, durchs Land, um die Laienreanimation populär zu machen. Sein Leitmotiv: Es geht um Leben und Tod.    

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Reanimationsquote durch Laien hat sich verdoppelt. Das klingt gut. Vorbildlich kann man das aber kaum nennen, wenn man sieht, dass etwa in Rumnänien, der Slowakei oder Slowenien vergleichsweise mehr Menschen bereit sind, andere wiederzubeleben?

          Ganz klar, wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen. Von 17 auf 34 Prozent zu kommen ist zum einen klasse, das ist nicht vom Himmel gefallen. Aber von den sechzig oder achtzig Prozent Reanimationsquote wie in Skandinavien sind wir noch weit entfernt. Wir sind jetzt unteres Drittel, jedenfalls nicht mehr Vorletzter.

          Jan-Thorsten Gräsner vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.

          Heute wird so viel kommuniziert, hätten Sie da nach fünf Jahren intensiver Aufklärungsarbeit nicht damit gerechnet, schneller voranzukommen?

          Nein, das hatte ich nicht erwartet. Schweden ist in den neunziger Jahren bei 30 Prozent gestartet und hat sich über fünfzehn Jahre auf rund siebzig Prozent hochgearbeitet. Das ist auch heute noch kein Automatismus. Hinter dem Anstieg steckt ja viel Arbeit. Das Abbauen von Ängsten, dem Laien klarmachen, dass er wirklich etwas tun kann. Es ist auch wichtig, ihm klarzumachen, dass er auch dann etwas tun kann, wenn er kein Arzt ist. Das muss eingeschliffen werden. Wenn es so weitergeht wie bisher, sind wir in fünf Jahren bei 50 oder 60 Prozent.

          Wo sind die größten Zuwächse?

          Das Ganze ist ein Prozess. Jetzt lernen es vermehrt die Kinder, auch in den Volkshochschulen hört man über die Wiederbelebung oder auf Aktionswochen. Wir müssen bedenken, es handelt sich ja einfach um ein Thema, das den Menschen, der normalerweise nichts mit Medizin zu tun hat, nicht unbedingt interessiert. Das ihn vielleicht sogar erschreckt. Es geht nicht von heute auf morgen, ihn zu überzeugen.

          Was war der Schlüssel in Skandinavien?

          Das sind mehrere Dinge, die wir jetzt übrigens auch tun. In einer breiten Kampagne viel Information in die Medien hineinzutragen, das war der erste Schritt. Das kann vieles sein, die Woche der Wiederbelebung etwa oder das Kommunizieren von Erfolgsgeschichten mit Überlebenden. In Lugano in der Schweiz gibt es das, dass einmal im Jahr die Laienretter in der Region mit ihren Geretteten eingeladen werden. Das ist eine Dankesveranstaltung für die Retter und sehr emotional. Da kommt alles, was Rang und Namen hat, und wird groß berichtet. In Skandinavien wird Reanimation zudem sehr früh in die Schulausausbildung integriert.

          Wiederbelebungsmaßnahmen üben:  100 bis 120 Mal pro Minute in der Mitte des Brustkorbs auf das Brustbein drücken – 5 bis 6 cm tief. Das können meist schon Siebtklässler.

          Ab wann funktioniert das, ein Kindergartenkind kann ja noch nicht reanimieren?

           Wenn es nur um die Idee geht, da kippt jemand um, und ich rüttele und rufe den Rettungsdienst, damit können Sie durchaus schon im Kindergarten anfangen. Wenn es um Wiederbelebungsmaßnahmen geht, wissen wir, dass Schüler etwa ab der 7. Klasse schon genug Kraft haben, einen Brustkorb fünf Zentimeter nach unten zu drücken.

          Wird in den Schulen schon genug praktisch geübt und das Ganze trainiert?

          Wir haben seit 2014 eine Kultusministerkonferenz-Empfehlung, dass in allen Schulen eine Stunde Biologie und eine Stunde Sport für Wiederbelebungsübungen genutzt werden soll. Jetzt geht es darum, dass das in den Bundesländern umgesetzt wird.

          Und wird es umgesetzt?

          Das ist unterschiedlich. Mecklenburg-Vorpommern war Vorreiter, die machen das schon seit Jahren. In Baden-Württemberg gibt es ein Projekt „Löwen retten Leben“, das sich langsam aber sicher ausweitet im Land und die Lehrer nach und nach dafür ausbildet, die Wiederbelebung in den Unterricht zu integrieren. Auch in Bayern gibt es Fortschritte, und in Schleswig-Holstein haben wir jetzt drei Pilotschulen am Start, um zu zeigen, wie es geht.

          Das klingt engagiert, es klingt aber auch, als wären Ihnen die Schulen noch zu träge.

          Das muss jetzt einfach in die Lehrpläne aufgenommen werden. Die Bildungsministerien sind gefragt, es über Erlassregelungen einzubauen. Natürlich gibt es viele andere Fachvertreter mit ihren Themen, die in den Schulunterricht drängen. Für unseren Teil wissen wir aber, dass es wirklich überlebenswichtig ist.

          Es müsste also auch mehr von oben organisiert werden?

          Im Moment ist das Interesse da. Aber den konkreten Schritt zu gehen und daraus verpflichtenden Schulunterricht zu machen, das braucht jetzt den politischen Willen. Da steckt einiges dahinter, auch was Material angeht und die Lehrerschulung. Das kostet Geld und braucht sicher etwas Zeit, es ist allerdings auch kein Hexenwerk. Schüler sind enorm wichtig, denn sie tragen das Thema in die Familien hinein. Auch niedergelassene Ärzte sind für uns wichtige Multiplikatoren.

          Wie erfolgreich sind die Wiederbelebungsmaßnahmen durch Laien?

          Nach dem deutschen Reanimationsregister werden pro Jahr 75 000 Menschen nach Kreislaufversagen wiederbelebt. 5000 von ihnen überleben in einem guten neurologischen Zustand. Wir glauben, dass wir auf über 15 000 kommen können. In den neunziger Jahren hatten drei Viertel der Wiederbelebten neurologische Schäden, heute sind wir so weit, dass drei Viertel, die ohne Unterbrechung beatmet werden, in einem guten Zustand überleben, und nur noch ein Viertel erleidet neurologische Beeinträchtigungen.

          Nicht nur an Aktionstagen, sondern auch in den Schulen soll Wiederbelebung trainiert werden.

          Und das, obwohl sich die Empfehlungen zur Reanimation verändert haben. Heute hört man, dass die Herzdruckmassage ausreicht und Mund-zu-Mund-Beatmung für den Erfolg gar nicht so lebenswichtig ist.

          Es ist einfach ganz wichtig, dass der Laie mit der Wiederbelebung anfängt und die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes überbrückt. Denn egal, wie gut der Rettungsdienst ist, erste neurologischen Schäden lassen sich nach mehr als fünf Minuten unbehandeltem Herzstillstand nicht verhindern. Wenn der Patient dann in eine geeignete Klinik kommt und die gesamte Kette funktioniert, überleben insgesamt dreimal so viele Patienten nach einer richtigen Laienreanimation wie ohne, das zeigen die dänischen Daten.

          Die Mund-zu-Mund-Beatmung bringt also gar nicht so viel bessere Resultate?

          Natürlich ist es immer besser, wenn Luft in die Lungen gepumpt wird. Aber wir hatten bei uns lange eine so niedrige Bereitschaft wiederzubeleben, dass wir den Laien zuerst die Angst nehmen mussten. Zum Beispiel die Angst, dass sie nicht in einen Patienten reinpusten wollen, der sich vielleicht übergeben hat. Tatsächlich haben nur etwa ein Prozent erbrochen, und siebzig Prozent der Herzattacken passieren sowieso im eigenen häuslichen Umfeld, da kennt man die Betroffenen persönlich sehr gut. Einen Wildfremden zu beatmen, kommt also gar nicht so oft vor. Trotzdem ist da diese Angst bei den Menschen. Deshalb haben wir gesagt: Dann drück doch wenigstens, bevor du gar nichts tust.

          Medizinisch gesehen ist das dennoch die zweitbeste Lösung. Sind die Ergebnisse schlechter?

          Es war eine pädagogische Entscheidung. Wenn jemand am Arbeitsplatz umfällt, dann ist da anfangs noch genügend Sauerstoff im Blut. Wenn der Atemstillstand aber lange dauert, wenn auf dem Land etwa der Rettungsdienst zehn oder fünfzehn Minuten braucht, dann pumpe ich mit der Herzdruckmassage natürlich irgendwann auch nur noch sauerstoffarmes Blut durch den Körper. Es kommt der Punkt, da sollte der, der es kann, auch bitteschön beatmen. In Schleswig-Holstein bringen wir den Schülern wie in Dänemark eben deshalb bei, drücken und beatmen zu trainieren. Bei siebzig Prozent, bei denen das Herz stillstehen bleibt, komme ich die ersten Minuten ohne Beatmen gut hin. Einen Ertrunkenen oder ein Kleinkind, das keine Luft mehr gekriegt hat, kann ich mit Herzdruckmassage allein nicht retten, da muss ich auch Luft hineinpumpen und deshalb beatmen. Herzdruckmassage ist das mindeste, was jeder im Notfall tun sollte.

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