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Dubiose Gesundheitsratschläge : Simulanten des Sports

Für eine bessere Lebensqualität: Wie viel Sport ist genug? Bild: AP

Sport ist anstrengend, steigert aber die Lebensqualität. Doch woher die Überwindung und Motivation nehmen? Die neuen Bequemlichkeitsversprechen sollen da helfen.

          Auf der einen Seite, wo Leistung zählt, gibt es Doping, auf der anderen, im Breitensport, ist ein gnadenloser Unterbietungswettbewerb in Gang gekommen. Weniger ist mehr, lautet das Motto einiger Gesundheitstrendsetter. Tatsächlich ist offenbar ein regelrechter Wettlauf um die Gunst der Bewegungsmuffel entbrannt, der vor allem eine Botschaft transportiert: bequem gewinnt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Als im Blog der „New York Times“ vor knapp einem Jahr behauptet wurde, zwei Minuten Gehen pro Stunde genügten schon, um die schädlichen Effekte der gefährlichsten Büroseuche - dem Dauersitzen - zu entschärfen, da musste man schon tief ins Fachzeitschriftenregal der amerikanischen Nephrologen-Gesellschaft greifen, um die entsprechenden Beobachtungsdaten zu ermitteln.

          Was darin zu lesen war, wiederholt sich praktisch in jeder modernen Anleitung zum Gesundheitssport. Um nichts weniger geht es darin, als um den Kampf gegen die größten Übel: Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden, Hochdruck, Fettsucht, Nierenschwäche, vorzeitiger Tod. Aber auch um die Lebensqualität der Gesunden und Kinder. Und es stimmt ja: An Nachweisen, dass Sport die Gedächtnisleistung bereits bei Teenagern massiv fördert, fehlt es so wenig wie an Hinweisen, dass Bewegung effektiv die Zahl der entzündungshemmenden Immunzellen im Blut fördert - ein Befund von Sportmedizinern der Universität Köln und der Deutschen Sporthochschule im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“. Und was für junge Gesunde gilt, hat erst recht für ältere Anfällige seine Gültigkeit: 5700 Männer, die Wissenschaftler aus Oslo bis zu zwölf Jahre lang in ihrem Bemühen um körperliche Fitness begleiteten, lehrten vor allem eins: Es ist nie zu spät. Auch im Rentenalter könnten sie noch gut fünf Jahre Lebenszeit gewinnen - vorausgesetzt, sie befolgten die üblichen, unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation vertretenen Bewegungsempfehlungen von mindestens 150 Minuten „moderatem“ Training pro Woche plus zweimal Muskelübungen. Wer es bei weniger als einer Stunde leichter Aktivität beließ, so ist im „British Journal of Sports“ zu lesen, hat umsonst trainiert - zumindest medizinisch gesehen.

          Motivation durch Bequemlichkeitsversprechen

          Mit anderen Worten: Wer nicht halbwegs ins Schwitzen gerät, sollte seine Sportpläne überdenken. Doch wenn es anstrengend wird, kapitulieren die Massen. In halb Europa, von Portugal bis Großbritannien, geben allenfalls die Hälfte oder weniger der Befragten an, sich regelmäßig zu bewegen. Die Europäische Kardiologen-Gesellschaft hat ermittelt, dass zwanzig Prozent der Herzpatienten selbst unter Aufsicht schon kurz nach Beginn der „Sportlerkarriere“ aussteigen, ein Jahr später sind es vierzig, drei Jahre später sind es schon fast zwei Drittel.

          Der Schluss, den viele Experten daraus gezogen haben lautet: Motivation steigern mit ein paar saftigen Bequemlichkeitsversprechen. Auf der jüngsten Veranstaltung der europäischen Kardiologen in Sophia Antipolis jedenfalls schraubte David Hupin von der Universitätsklinik Saint-Étienne die Anforderungen für ein „vernünftiges“ Sportprogramm auf fünfzehn Minuten täglich herab - leicht zu merken, aber auch mehr als vierzig Prozent unter den WHO-Anforderungen. Noch ambitionierter waren Mediziner der MacMaster-Universität, als sie in der Zeitschrift „PlosOne“ eine Minute Sprinttraining täglich auf dem Ergometer plus Aufwärmen und Abkühlen propagierten - macht 10 Minuten Workout täglich.

          Nach unten, so scheint es, ist alles offen. Der chinesische Sportmediziner Shunchang Li von der Peking-Universität und sein kanadischer Kollege Ismail Laher sehen ihrerseits die Zeit bald für gekommen, die restliche Komfortzone komplett auszuweiten. Die Bemühungen vieler Labors, mit einer „Übungspille“ die physiologischen Effekte im Körper durch eine Kombination von synthetischen Pharmaka, Hormonen und Pflanzenstoffen wie Resveratrol gleichsam zu simulieren, seien „aufregend“ - und zumindest auf längere Sicht erfolgversprechend. Zwar werde, wie sie in „Trends in Pharmacological Science“ (doi: 10.1016/j.tips.2015.08.014) schreiben, die bisherige Einzelsubstanz-Strategie wohl nicht zum Ziel führen; zudem sei bereits der erste Doping-Fall im Radsport mit einem der gut ein Dutzend aufgelisteten Mittel (eins für die Stoffwechsel-Stimulation der Muskeln) zu beklagen. Aber in der Kombination mehrerer Stoffe sehen sie eine realistische Chance, Sport künftig überflüssig zu machen und der Volksgesundheit zu dienen. Gelobt sei, was hart macht.

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