https://www.faz.net/-gwz-85wqw

Wie „Big Sugar“ manipuliert : Zuckerlobbyisten treiben Forscher vor sich her

  • -Aktualisiert am

Nicht alles, was wenig Kalorien verspricht, bleibt ohne Folgen auf den Bauchumfang. Bild: AFP

Zu viel Zucker macht krank und hat Suchtpotential. Das soll nur keiner wissen, meint die Zuckerindustrie, erst recht nicht die Politik. Ihr Hebel in der Meinungsbildung ist die Medizinforschung.

          Limonaden machen dick und haben erheblichen Anteil am Anstieg von Typ-2-Diabetes, warnte im Jahr 2007 das „American Journal of Public Health“. Im Jahr 2008 hieß es im „American Journal of Clinical Nutrition“ hingegen, ein Zusammenhang zwischen Limonadenkonsum und Body-Mass-Index existiere praktisch nicht. An solche absolut widersprüchlichen Aussagen in Sachen Ernährung sind alle gewöhnt. Sie tragen dazu bei, dass sämtliche Hinweise für eine gesündere, Gewicht reduzierende Ernährung von vornherein höchst skeptisch aufgenommen und im Zweifel eher ignoriert werden. „Diät halten hilft eh nicht, ist sogar schädlich“, so oder so ähnlich sind die Reaktionen derer, die sich fatalistisch der grassierenden Zunahme von fettleibigen Menschen fügen: Die einen als Betroffene, die das Gefühl haben, es gebe ohnehin keine wirklich guten Ernährungsempfehlungen und denen auf diese Weise auch Ausreden für den Junkfood-Konsum geliefert werden. Die anderen als Akteure in Sachen Beratung, Erziehung, Meinungsbildung und Politik, die eigentlich die Umsetzung von Ernährungswissen in Lebenswirklichkeit verantworten sollen, aber dank widersprüchlicher Forschungsergebnisse entschuldigt sind, wenn sie etwa unliebsame Gesetze gar nicht erst erlassen.

          Exakt diese lähmende Ambivalenz ist der Zustand, in dem offenbar die Hersteller von Fastfood und Softdrinks nicht nur die Konsumenten, sondern auch Multiplikatoren wie Ärzte, Erzieher und Ernährungsberater, aber vor allem die Entscheidungsträger in der Politik gerne haben. Torben Jørgensen, Leiter des Forschungszentrums für Prävention an der Universität in Kopenhagen, erläuterte unlängst auf der Tagung der Deutschen Akademie für Präventivmedizin in Kiedrich die ausgetüftelten Strategien von „Big Sugar“.

          Zuckerwürfel

          Das Hin und Her um die Limonaden ist ein Beispiel für die Strategie dieser Industrie: Obwohl es bereits 2007 erdrückende - und bis heute nur weiter bestätigte - Evidenz dafür gab, dass Limonaden schon junge Menschen ins Übergewicht treiben, wollte Richard A. Forshee 2008 daran kratzen. Er erhält für sein Forschungszentrum an der Universität von Maryland finanzielle Mittel von Coca-Cola und Pepsi. Eine Mitarbeiterin Forshees und Mitautorin der beschwichtigenden Studie bezog bald danach einen Posten in der Ernährungsindustrie. Als man Forshees Arbeit unter die Lupe nahm, offenbarten sich denn auch eindeutige methodische Mängel. Forshee und seine Mitstreiter hatten genau die passenden Arbeiten zusammengesucht und dann so gedeutet, dass sie den Süßgetränken einen Freibrief erteilen konnten. Aber auch wenn sie schlecht ist, Forshees Arbeit ist nun publiziert und kann von einschlägig gebrieften Lobbyisten Politikern vor die Nase gehalten werden. Das verhindert dann womöglich, dass diese Politiker ein Verbot für den Verkauf von Süßgetränken an Schulen durchsetzen, wie es ihnen andere Ernährungswissenschaftler längst anraten. Es handelt sich um eine wichtige und simple Präventivmaßnahme, die zum Beispiel in einigen Regionen von Australien bereits umgesetzt werden konnte.

          Weitere Themen

          Ein Roboter wird zum Chemiker Video-Seite öffnen

          Chemputer : Ein Roboter wird zum Chemiker

          Ein Roboter ist in der Lage, selbständig Arzneien mischen. Ein Schlafmittel, ein Schmerzmittel und das Potenzmittel Viagra gehören schon zum Repertoire.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.