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Wie „Big Sugar“ manipuliert : Zuckerlobbyisten treiben Forscher vor sich her

  • -Aktualisiert am

Johannes Scholl, der die Veranstaltung der Akademie für Präventivmedizin in Kiedrich leitete und als Arzt für Präventivmedizin niedergelassen ist, erläutert, dass man nicht einmal in führenden Fachzeitschriften vor Manipulationen gefeit ist: „Als David Ludwig von der Harvard-Universität seine überzeugenden Bildbefunde zum Suchtpotential bestimmter Zucker und Kohlenhydrate in dem weltweit führenden „American Journal of Clinical Nutrition“ 2013 veröffentlichte, hat Ian Macdonald diese in demselben Journal ziemlich kleingeredet.“ Das „British Medical Journal“ enthüllte nun Anfang des Jahres nicht nur, dass zum Beispiel Mars und Coca-Cola Macdonald an der Universität von Nottingham bei seiner Stoffwechselforschung großzügig unterstützen. Das britische Ärzteblatt deckte außerdem auf, dass dies bei einflussreichen Experten in Gremien, die die englische Regierung in Sachen Ernährung unabhängig beraten sollen, nicht anders aussieht. „Deshalb veranstaltet die Deutsche Akademie für Präventivmedizin alle ihre Tagungen konsequent ohne Sponsoren, jeder zahlt selbst“, betont Scholl, der die unabhängige Institution mitgegründet hat.

Zu den ebenfalls bewährten Strategien, Junkfood mittels wissenschaftlicher Expertise aus der Schusslinie zu ziehen, zählt es, scheinbar stichhaltige Gegenargumente von Experten mit Reputation vortragen zu lassen. Ein Kern Wahrheit mag darin sein, aber der wird dann so aufgebauscht, als könne man ihn verallgemeinern. „CokeSpeak“ nennen kritische Ernährungswissenschaftler dies inzwischen, und einer der hier meistzitierten Vertreter ist Steve Blair. Bekanntgeworden ist sein Satz „Obesity is not about what we put in our mouth, it ’s about being too darn lazy“. („Bei Adipositas geht es nicht darum, was wir uns in den Mund stecken, sondern darum, dass wir so verflixt faul sind.“) Seine Studien hinterfragen zum Beispiel die Verlässlichkeit von Umfragen zur Ernährung und säen so erhebliche Zweifel daran, ob man überhaupt über das Essverhalten der Amerikaner etwas Substantielles sagen könnte. Dass solche Forschung von Coca-Cola finanziert wird, verschweigt er hin und wieder, wie zum Beispiel in der Zeitschrift „Plos One“ im Jahr 2013, die dann bei der Erklärung der Interessenkonflikte nachbessern musste. Dass er selbst womöglich „verflixt faul“ ist und damit keine gute Werbung für seine wissenschaftlichen Proklamationen macht, wird ihm inzwischen auch im Internet von der kritischen Ernährungsexpertin Zoë Harcombe auf ihrer Homepage vorgeworfen. Man solle sich mal Bilder von Steve Blair ansehen, fordert sie dort auf, dann sähe jeder, dass er entweder selbst zu träge sei, oder aber „zu viel von der Medizin seines Sponsors konsumiere“.

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