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Viren, Flucht und Leberkrebs : Wie Ägypten den Hepatitis-C-Erreger bezwang

  • -Aktualisiert am

Raymond Schinazi muss 1964 mit seiner Familie aus Ägypten fliegen. Jahrzehnte später kehrt der Chemiker in seine Heimat zurück, um Verhandlungen über den Preis eines lebensrettendes Medikamentes zu führen, dass seine Firma entwickelt hat. Bild: Julia Ossko und Eugen Schulz

Die Geschichte einer Seuche – oder wie Ägypten den Kampf gegen Hepatitis C fast verlor und heute ein Vorbild für andere Länder sein könnte.

          13 Min.

          Das Jahr 1962 ist für Raymond Schinazi ein dramatischer Einschnitt und in besonderer Erinnerung geblieben. Als der damals 12-Jährige mit seiner Familie aus den Sommerferien zurückkommt, ist alles anders. Das Haus verschlossen, die Autos verschwunden, die Konten eingefroren, er darf nicht mehr zur Schule. Die Schinazis, die seit Generationen in Alexandria leben, sind wie viele andere jüdische Familien vor ihnen zum Ziel der nationalistischen Politik des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser geworden. Die Schinazis ziehen ins Hotel, harren noch eine Weile in Ägypten aus. 1964 geben sie auf und fliehen auf einem Schiff Richtung Europa. Raymond will noch einmal vom Deck zurückblicken und winken. „Es war Nacht, und ich wollte die Lichter von Alexandria sehen“, erinnert er sich heute. Sein Vater hielt ihn davon ab: „Schau nicht zurück. Es ist vorbei. Ägypten ist vorbei für uns.“ Einige Tage später kommt die Familie in Neapel an. Ihr neues Leben beginnt in einem Flüchtlingslager. Die Geschichte, die Raymond Schinazi ein halbes Jahrhundert später in seine Heimat zurückbringen wird, ist die Geschichte einer Seuche, die droht, ein ganzes Land in die Knie zu zwingen. Es geht um Millionen von Menschenleben und Milliarden Dollar. Im Zentrum: Ein Virus, von dessen Existenz Anfang der Sechziger niemand weiß, Hepatitis C.

          Weder A noch B

          Manche Viren werden so früh entdeckt, dass man ihnen zuschauen kann, wie sie sich verbreiten. So war es bei Sars-CoV-2. Andere Viren haben sich im Dunklen längst ausgebreitet, ehe Forscher ihnen auf die Spur kommen, dann wirkt ihre Entdeckung so, als hätte man das Licht angeknipst. Plötzlich wird das riesige Ausmaß sichtbar, wie bei Hepatitis C. Mediziner wussten seit langem, dass es neben Hepatitis A und Hepatitis B noch einen weiteren Erreger geben musste, der die Leber angreift. Selbst wenn die Blutproben bei Transfusionen keines der beiden bekannten Viren aufwiesen, entwickelten manche Patienten trotzdem eine Leberkrankheit. Das hatte der amerikanische Transfusionsmediziner und Virologe Harvey Alter in den 1970er Jahren nachgewiesen. Der Erreger dieser „Nicht-A-Nicht-B-Hepatitis“ ließ sich im Labor aber nicht züchten. 1989 gelang es dem britischen Biochemiker Michael Houghton zumindest, das Virus nachzuweisen. Gemeinsam mit dem Virologen Charles M. Rice bekamen Alter und Houghton für ihre Arbeit in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin verliehen.

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