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Singapur oder China : Wer hat das Erfolgsrezept gegen das Coronavirus?

Am 11. Februar bei der Einreise in Singapur: Besucher der Luftfahrtmesse im Changi Exhibition Centre (CEC) werden mit einem Thermoscanner nach Fieber untersucht. Bild: dpa

„Die Welt ist in eurer Schuld“ – so würdigt die WHO die großflächige chinesische Quarantäne-Politik. Ein Beispiel für die Welt? Singapur zeigt, wie die Seuche auch mit der „lokalen“ Lösung in den Griff zu bekommen ist.

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          Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich schon festgelegt, auch wenn neue Infektionen mit Sars-CoV2 immer noch Alltag sind: China ist das Land, auf das die Welt blicken sollte. 335 Neuinfektionen am Tag sind aktuell gemeldet, der niedrigste Stand seit vier Wochen, die Epidemiekurve flacht immer weiter ab. Und genau deshalb war einer der Leiter der jüngsten Mediziner-Delegation, die von der WHO für ein paar Tage nach China entsandt worden war, geradezu euphorisch: „Die einzige erfolgreiche Maßnahme, von der wir bislang erfahren haben, um Covid-19 einzudämmen, finden wir hier in China“, sagte Bruce Aylward in einer Pressekonferenz nach der Stippvisite, und dann ergänzte er: „Bürger von Wuhan, die Welt ist in eurer Schuld.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Knapp siebzig Millionen Menschen waren in den vergangenen Wochen mindestens zeitweise unter Quarantäne, Millionenstädte wurden abgeriegelt. In vielen Provinzen außerhalb von Hubei, in der Wuhan liegt, fände man kaum noch Neuinfektionen oder Krankheitsfälle. Die Ausbreitung wurde nach dem Dafürhalten der WHO mit einem Epidemie-Klassiker – radikale soziale Isolation – unterbunden, und China spricht immer selbstverständlicher vom Abflauen der Epidemie. Tatsächlich sind die offiziellen Zahlen eindeutig: Die Zahl der neu Infizierten außerhalb Chinas übersteigt nun die chinesischen Fälle.

          Wenn die Zeigefinger heute auf China gerichtet werden, so darf Peking hoffen, dann nicht mehr wegen der Gefahr, die von Chinesen ausgeht, sondern wegen ihres Heldentums. Dabei gibt es ein anderes, kleineres Land von der Größe Wuhans, dessen jüngste Seuchenhistorie die WHO nicht mehr so genau auf dem Schirm hat und das dennoch einige bemerkenswerte Lehren liefert – und das vor allem nicht mit Zehntausenden Infektionen wie Wuhan zu kämpfen hat, sondern nur mit 96 Covid-19-Infizierten. Bislang ist es ohne jedes Todesopfer aus der Covid-19-Krise hervorgegangen: Singapur, der autoritär geführte Stadt- und Inselstaat in Südostasien, war eines der ersten Länder, in dem aus China eingereiste Infizierte gemeldet worden waren, und das auch schon bei der Sars-Krise vor siebzehn Jahren durch ein tiefes Tal gegangen war.

          Im Journal der amerikanischen Medizinvereinigung „Jama“ haben Wissenschaftler der Nationalen Universität von Singapur vor wenigen Tagen Ihre Sicht des Epidemieverlaufs im eigenen Land publiziert. Es ist ein Zeugnis der Entschlossenheit. Am 2. Januar, zwei Tage nachdem China die WHO über die Ausbreitung eines neuen Virus informierte, das in Wuhan eine Reihe schwerer Lungenkrankheiten verursacht hat, alarmierte das Gesundheitsministerium Singapurs alle Ärzte im Land. Das Gesundheitssystem wurde angewiesen, alle Patienten mit Lungenleiden zu identifizieren, die zuvor aus der Region Wuhan eingereist waren. Das sogenannte Kontakt-Tracing, das in anderen Staaten wie auch in Deutschland erst mit dem Auftreten des positiven Virustests begonnen wird, war von der Ärzteschaft damit quasi schon landesweit in Gang gesetzt worden. Am 3. Januar, einen Tag später, wurde am Flughafen von Singapur bei allen aus Wuhan ankommenden Reisenden die Temperatur auf Fieber gemessen. Damals war noch völlig unklar, ob die Infizierten ähnlich wie bei Sars damals erst mit Beginn der Fieberphase infektiös sind, oder ob auch fieber- und weitgehend symptomlose Virusträger andere Menschen anstecken können. Die Arbeitshypothese Singapurs lautete: Wer Fieber hat, ist infektiös und muss sofort in Quarantäne. Inzwischen ist klar: Es können bei diesem neuen Coronavirus auch durchaus Reisende ohne oder mit milden Symptomen andere anstecken.

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