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Zwecklose Schlankheitskuren : Stoffwechselstörung im Gehirn verursacht Jo-Jo-Effekt

  • -Aktualisiert am

Wenn die Pfunde trotz Diät und Sport einfach nicht weniger werden. Bild: dpa

Warum fällt es einigen Menschen schwerer als anderen, Körpergewicht zu verlieren? Forscher vermuten eine Stoffwechselstörung im Gehirn als Ursache.

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          Der Weg zu einer schlankeren Silhouette ist bekanntlich mühevoll und von unzähligen Hindernissen gesäumt. Dennoch gelingt es manchen Übergewichtigen, merklich abzuspecken und das geringere Körpergewicht dauerhaft zu halten. Dagegen werden viele andere von den anfänglich verlorenen Kilos schon bald wieder eingeholt. Weshalb es manchen Menschen viel schwerer fällt als anderen, sich dauerhaft von überflüssigen Pfunden zu trennen, ließ sich bislang nur unzureichend beantworten.

          Was viele Schlanke für Willensschwäche halten, beruht offenbar auf einer Stoffwechselstörung im Gehirn. Hierfür sprechen jedenfalls die Erkenntnisse von Forschern um Martin Heni und Stephanie Kullmann von der Universität Tübingen und dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung. Schon in vorausgegangenen Studien hatten die Wissenschaftler zeigen können, dass das Gehirn von Personen mit starkem Übergewicht und solchen mit Diabetes – Störungen, die oft Hand in Hand gehen – unzureichend auf die Botschaften des Hormons Insulin anspricht. Während Insulin in der Muskulatur und anderen Geweben die Aufnahme des Energielieferanten Zucker fördert, steuert es im zentralen Nervensystem andere lebenswichtige Prozesse, darunter so unterschiedliche wie das Essverhalten und das Gedächtnis.

          Anknüpfend an ihre früheren Beobachtungen wollten Frau Kullmann und ihre Kollegen nun klären, ob die Insulinempfindlichkeit des Gehirns einen Einfluss darauf hat, wie nachhaltig Schlankheitskuren wirken und in welchem Körperbereich sie die Fettpolster zum Schwinden bringen. An einer der Untersuchungen waren 15 dickleibige, aber gesunde Männer und Frauen mittleren Alters beteiligt. Alle hatten professionelle Unterstützung bei dem Vorhaben erhalten, sich gesünder zu ernähren und regelmäßig zu bewegen. Ziel der Lebensstilberatung war weniger, viel Gewicht zu verlieren. Vielmehr ging es vornehmlich darum, das Eingeweidefett zu verringern. Denn nur Fettablagerungen im Bauchraum bergen ein erhöhtes Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Vom Unterhautfettgewebe geht demgegenüber keine gesundheitliche Gefahr aus. Vor der Intervention, die sich über zwei Jahre erstreckte, bestimmten die Forscher bei allen Versuchsteilnehmern neben weiteren Gesundheitsparametern die Insulinempfindlichkeit im Gehirn. Daraufhin verfolgten sie, ob sich die Menge und die Verteilung der Fettpolster im Laufe der Zeit veränderten.

          Insulin steuert Bauchfett über den Hypothalamus

          Wie die Wissenschaftler im Journal „Nature Communications“ (doi: 10.1038/s41467- 020-15686-y) berichten, führte die Lebensstilberatung nur teilweise zum angestrebten Ziel. Als erfolgreich erwies sie sich bei jenen Personen, deren elektrische Hirnaktivität – abgeleitet mit Hilfe der Magnetenzephalographie – empfindlich auf die Applikation von Insulin reagiert hatte. Diese Probanden wogen am Ende der zweijährigen Studienzeit durchschnittlich sechs Kilogramm weniger als davor und konnten ihr Gewicht in den darauffolgenden sieben Jahren weitgehend halten. Darüber hinaus war auch ihr Eingeweidefett merklich geschrumpft, wie Untersuchungen mit dem Kernspin zeigten. Im Gegensatz hierzu verloren die Versuchsteilnehmer mit insulinresistentem Gehirn nur in den ersten neun Monaten etwas an Gewicht und nahmen bereits während der Intervention wieder zu. Am Ende brachten sie zwei Kilogramm mehr auf die Waage als zu Beginn der Studie. Parallel dazu gingen auch die Fettmengen in ihrem Körperinneren lediglich kurzfristig leicht zurück, stiegen dann aber wieder an.

          In einer größeren Studie mit insgesamt 112 Probanden waren die Wissenschaftler anschließend der Frage nachgegangen, ob es zwischen der Ansprechbarkeit des Gehirns auf Insulin und der Körperfettverteilung generell einen Zusammenhang gibt. Das war offenbar tatsächlich der Fall, zumindest teilweise. Eine enge Verknüpfung bestand dabei zwischen der Insulinempfindlichkeit des sogenannten Hypothalamus und der Menge an Eingeweidefett: Je schlechter dieses Hirnzentrum, das viele Stoffwechselvorgänge steuert, auf die Botschaften von Insulin reagierte, desto mehr Fettgewebe enthielt der Bauchraum – und das unabhängig vom Alter und Geschlecht einer Person. Keine solche Beziehung fanden die Forscher demgegenüber zwischen der Insulinansprechbarkeit des Gehirns und dem Unterhautfettgewebe. Diese Beobachtung steht im Einklang mit der Erkenntnis, dass die sichtbaren Speckpolster keine gesundheitliche Bedrohung darstellen.

          Weshalb aber haben Personen mit mangelnder Insulinempfindlichkeit im Gehirn so große Mühe, abzunehmen? „Aufgrund der geringen Zahl an Versuchspersonen können wir diese Frage leider noch nicht beantworten“, sagt der Studienleiter Martin Heni auf Anfrage. „Anfangs dachten wir, es hätte etwas mit dem Essverhalten zu tun. In regelmäßigen Gruppentreffen und Einzelgesprächen haben wir überprüft, ob die Probanden die Vorgaben einhielten, aber keine Hinweise gefunden, dass dies nicht der Fall war.“

          In weiteren Untersuchungen wollten die Wissenschaftler nun herausfinden, ob sich die Insulinempfindlichkeit des Gehirns durch Sport oder auch Medikamente bessern lässt und wie sich dies auf den Erfolg von Änderungen des Lebensstils auswirkt. „Die Probanden unserer Pilotstudie haben sich vermutlich nicht genügend bewegt, um Effekte von Sport im Gehirn auszulösen“, räumt Heni ein.Mehr Klarheit dürften die Ergebnisse der neuen Studie bringen. Dann sollte sich zeigen, ob regelmäßiges körperliches Training mehr bringt als dreimal wöchentlich mäßig intensive Bewegung.

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